Michael Reiß, Radebeul, und Gilfe Reiß, Dresden
Schluckauf tritt normalerweise in kurzen Episoden auf, beispielsweise nach einer hastigen Mahlzeit. Diese Form von Schluckauf oder Singultus (lateinisch – Schluchzen, Schlucken), „hiccup“ (englisch) oder auch „Hizgi“ oder „Gluxi“ (schweizerische Mundart), die nicht zu einer Arztkonsultation führt, hat jeder Mensch schon einmal gehabt. Dagegen kommen längere und rezidivierende Schluckaufattacken zwar selten vor, können für den Patienten aber sehr belastend sein. Folgen sind Erschöpfung, Schlaflosigkeit oder Depression, so dass sie aus medizinischer Sicht nicht unterschätzt werden dürfen [5, 21, 22, 24, 32, 37, 38].
Definition
Unter Schluckauf versteht man unwillkürliche, meist in unregelmäßigen Serien auftretende Kontraktionen des Zwerchfells und der Atemhilfsmuskulatur mit Glottisschluss. Dabei kommt es zu dem typischen Geräusch oder tönender Inspiration [1, 3, 4, 10, 15, 20, 23].
Epidemiologie
Männer und Frauen sind in gleicher Häufigkeit von akuten Schluckauf-Anfällen betroffen. Der chronische Schluckauf kommt dagegen mehr bei Männern vor. In einer Studie mit 220 Patienten waren 82 % Männer [34]. Der Altersgipfel des Schluckaufs lag bei den Männern in der 7. und 8. Dekade, wohingegen der Altersgipfel bei den Frauen in der 4. Dekade verlief. Bei Frauen steigt die Schluckaufhäufigkeit während der Ovulationsphase und nimmt bei einer Schwangerschaft ab [1]. Ein familiäres Auftreten von Schluckauf ist dagegen sehr selten [19].
Symptomatik und Verlauf
Die spontane Schluckauffrequenz kann bei dem einzelnen Patienten beträchtlich variieren. Sie reicht von 2 bis 60/min, wobei sie aber auch relativ gleich bleiben kann [8]. Die Anzahl der „Hickser“ während einer Schluckaufperiode ist zum Teil mit weniger als 7 relativ klein oder ist mit mehr als 60 hoch [1, 4].
Schluckaufbeschwerden scheinen einem tageszeitlichen Rhythmus zu unterliegen, wobei sie am häufigsten abends auftreten. Schluckauf kann in jeder Phase der Atmung vorkommen. Ein Maximum ist vor allem während der Inspiration oder am Ende der Exspiration, wenn der Luftstrom gering ist, zu verzeichnen [8]. Beim Schlafen wird Schluckauf gewöhnlich unterdrückt, doch bei der Hälfte der Fälle persistiert er und kann Ursache einer Schlafstörung sein [10, 20]. Der chronische Schluckauf kommt in allen Schlafphasen vor, wobei die Häufigkeit von den Schlafstadien I bis IV bis zum REM-Schlaf abnimmt [3]. Durch Schluckauf kommt es zu Problemen beim Einschlafen, nicht jedoch zu Durchschlafstörungen. Schluckauf verursacht keine Weckreaktionen. Es besteht auch keine Beziehung zwischen Schluckauf und Schlafapnoe [4, 20].
Eine Erhöhung des CO2-Partialdrucks (Hyperkapnie) beispielsweise durch Rückatmung führt zu einer Verringerung der Schluckauffrequenz, wobei es aber nicht zu einer Intensitätsänderung kommt. Dagegen beeinflusst eine Verminderung des CO2-Partialdrucks (Hypokapnie) nicht die Frequenz, erhöht jedoch die Intensität [8, 27].
Ein lang dauernder Schluckauf kann nicht nur lästig sein, sondern auch erhebliche Nebenwirkungen haben. Dazu zählen [17, 20, 21]:
- Dehydration
- Mangelernährung
- Gewichtsverlust
- Schlafstörungen
- Müdigkeit
- Postoperative Wunddehiszenz
Physiologie
Die physiologische Bedeutung des Schluckaufs ist im Gegensatz zu anderen viszeralen Reflexen, wie Husten oder Erbrechen, nicht klar. Bereits vor über 60 Jahren wurde die Bedeutung des N. phrenicus und des N. vagus bei der Entstehung des Schluckaufs erkannt. Bei anderen Säugetieren sind schluckaufähnliche Bewegungen feststellbar, so dass eine sinnvolle physiologische Bedeutung nicht auszuschließen ist. Der Schluckauf ist ab der 8. Schwangerschaftswoche im Mutterleib vorhanden, was auch von der Mutter wahrgenommen werden kann [22]. Die Häufigkeit des Schluckaufs ist auch im Säuglingsalter sehr hoch und nimmt im Laufe des weiteren Wachstums ab. Im Kleinkindalter treten Hickser 3 000-mal häufiger auf als im Erwachsenenalter, insbesondere nach der Nahrungsaufnahme.
Sonographisch konnte nachgewiesen werden, dass ein Fötus 1,2 % bis 2,5 % der Zeit im Mutterleib „hickst“ [36]. Bezüglich der physiologischen Bedeutung werden verschiedene Hypothesen diskutiert. Es könnte eine intrauterine Thoraxgymnastik zur Vorbereitung auf die extrauterine Atmung darstellen. Hierbei wird der Fötus auf die Geburt vorbereitet, vor allem auf die Atmung. Deshalb wird die Atemmuskulatur regelmäßig trainiert. Eine „Trainingseinheit“ dauert im Schnitt zwischen 4 und 8 Minuten. Das Problem dabei das Fruchtwasser einzuatmen, wird ganz geschickt umgangen, indem die Stimmritze ganz schnell, das heißt 35 ms später, fest verschlossen wird. Daher tritt bei Kleinkindern ein Schluckauf noch relativ häufig auf. Man nimmt auch an, dass er Babys beim Saugen hilft. Die Abfolge der Muskelbewegungen beim Schluckauf ähnelt derjenigen von Säuglingen beim Stillen. Dabei schließt sich die Stimmritze des Babys, damit keine Milch in die Lunge gelangt [11].
Der Schluckauf ist also offenbar ein protektiver Mechanismus beim Verschlucken von Flüssigkeit oder Speisen. Möglich ist auch, dass er ein Überbleibsel eines dem Hochwürgen von Speisen dienenden Verhaltens von Säugetieren darstellt [1].
Weiterhin wird postuliert, dass der Schluckauf ein Überbleibsel der Kiemenatmung ist. Lungenfische zum Beispiel, die gleichzeitig Lunge und Kiemen besitzen, spritzen Wasser über ihre Kiemen, indem sie ihre Mundhöhle zusammenpressen. Dabei schließen sie ihre Stimmritze, damit kein Wasser in die Lunge gelangen kann. Offenbar blieb der Gehirnteil, der für die Bewegungen der Kiemenatmung zuständig ist, über Jahrmillionen hinweg erhalten und steuert auch beim Menschen die Stimmritze [18, 35].
Pathophysiologie
Die Zwerchfellkontraktion bei Schluckauf kann beidseits auftreten. Oftmals ist der Schluckauf einseitig, wobei die linke Seite meist dominiert [32]. Zeitgleich zur Innervation des Zwerchfells erfolgt die der äußeren, inspiratorisch wirksamen Interkostalmuskulatur (Muskulatur zwischen den Rippen) und auch der Atemhilfsmuskulatur, während gleichzeitig eine Hemmung der inneren Interkostalmuskulatur stattfindet, welche exspiratorisch wirkt.
Zum Verschluss der Stimmritze kommt es etwa 35 ms nach dem Beginn des Schluckaufs, so dass dadurch die Inspiration sofort beendet wird. Dadurch kommt es zu dem typischen Schluckauf- oder Hicksgeräusch [12].
Da ein Schluckauf oftmals durch gastrointestinale Faktoren ausgelöst wird und da die Rolle der Atmung aufgrund des frühen Glottisschlusses gering ist, wird angenommen, dass Schluckauf ein gastrointestinaler Reflex ist [8].
Während eines Schluckaufs kommt es zu einer Reduktion der ösophagealen Peristaltik und des Tonus des unteren Ösophagussphinkters mit erhöhter Exposition von Magensäure. Zwischen den Schluckaufattacken normalisiert sich die ösophageale Funktion. Ausnahme ist, wenn eine Störung in diesem Bereich selber einen Schluckauf hervorruft [39].
Beim Schluckauf wird die Glottis geschlossen, aber im Gegensatz zum Hustenreflex kommt es zu einer Stimulation der inspiratorischen und nicht der exspiratorischen Muskulatur [5, 10, 18, 20, 24].
Einteilung
Beim Schluckauf unterscheidet man akuten und chronischen Verlauf. Von chronischem Schluckauf spricht man, wenn die Dauer von 48 Stunden überschritten wird oder wenn der Schluckauf einen rezidivierenden Charakter aufweist. Besteht ein Schluckauf über einen Monat, wird er als hartnäckig, therapieresistent bezeichnet [5, 17, 21, 24, 32, 37, 38].
Der Schluckauf kann auch nach ätiologischen Gesichtspunkten eingeteilt werden [23, 24]:
- Peripher-nervös
- Zentral-nervös
- Metabolisch
- Infektiös
- Medikamentös
- Psychogen
- Idiopathisch
Man kann davon ausgehen, dass der banale Schluckauf ohne Krankheitswert ist. Vor allem aber der chronische Schluckauf kann das Symptom einer ernsthaften Erkrankung sein. Es gibt insgesamt über 100 Ursachen für Schluckauf [21].
Akuter Schluckauf
Ein akuter Schluckauf tritt vor allem bei gesunden Menschen, seltener als Symptom einer Krankheit auf. Beim Kind oder beim Erwachsenen kann ein akuter Singultus durch eine plötzliche Magenüberdehnung, beispielsweise reichliches oder zu rasches Essen sowie Trinken von viel kohlensäurehaltiger Flüssigkeit, durch massive Alkohol-Einnahme, Aufnahme zu scharfer, zu heißer oder zu kalter Speisen oder durch eine Endoskopie des oberen Magen-Darm-Trakts ausgelöst werden. Begünstigt wird der Reflex durch psychische Einflüsse wie Lachen, Angst, Schrecken oder Aufregung. Dieser Schluckauf sistiert bei gesunden Menschen im Allgemeinen spontan oder kann durch einfache Manöver beendet werden [1, 3, 4, 10, 15, 20, 23].
Ein akuter Schluckauf kann weiterhin durch Fremdkörper im äußeren Gehörgang ausgelöst werden. Über den Ramus auricularis des N. vagus oder den N. auricularis magnus kann hierbei der Reflex ausgelöst werden [26, 37].
Zu beachten ist Schluckauf als seltene, aber gefährliche Komplikation eines Herzinfarkts, die den Patienten psychisch sehr belastet und durch körperliche Anstrengung zum Tode führen kann [16]. Probleme kann auch der akute Schluckauf beim Frühgeborenen verursachen [21, 22].
Kurze Schluckaufphasen während Operationen sind keine Seltenheit. Sie können durch Intubation, Lagerung des Patienten auf dem Operationstisch, Regionalanästhesie, Narkose (Barbiturate) oder Manipulation an den Eingeweiden während der Operation ausgelöst werden. Der Schluckauf wird hierbei in den meisten Fällen durch eine vagale Reizung hervorgerufen und endet entweder spontan oder durch Vertiefung der Narkose. Ansonsten kann der Schluckauf durch CO2-Rückatmung, einen kontinuierlichen positiven Atemwegsdruck oder mit Atropin unterbrochen werden [14]. Eine weitere Methode ist die Stimulation des Pharynx mit einem Katheter in der Höhe des zweiten und dritten Halswirbelkörpers, wodurch der Schluckauf in 98 % der Fälle beherrscht werden kann [13, 30].
Chronischer Schluckauf
Bei chronischem Schluckauf kann man verschiedene Situationen unterscheiden, die hinsichtlich Diagnostik und Therapie beachtet werden sollten. Insbesondere spielen der zeitliche Verlauf und die Grundkrankheit eine Rolle. Die Ursachen sind mannigfaltig (Tab. 1). Der Schluckauf besteht oft seit einigen Tagen oder Wochen. Bei älteren Patienten liegt meist ein hartnäckiger Schluckauf seit mehreren Jahren vor. Schluckauf-freie Perioden sind möglich. Die Ursache ist oftmals unklar. Eine spontane Remission ist bei diesen Patienten nicht zu erwarten.
Der chronische Schluckauf kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Nicht selten liegt eine Kombination von zwei oder mehr Faktoren vor.
Ein Schluckauf tritt relativ häufig bei Patienten im Finalstadium mit AIDS oder Malignomen auf. Hier kommt es zu rezidivierenden Schluckaufperioden, die Stunden bis Tage andauern. Oft spielen mehrere Ursachen eine Rolle, wobei eine Ösophagitis, eine Magenüberblähung oder metabolische Störungen im Vordergrund stehen. Ein Schluckauf bei Patienten mit einem fortgeschrittenen Immundefizienzsyndrom erfordert eine forcierte Diagnostik, da sich hinter diesem Symptom eine Reihe ernsthafter Infektionen verbergen kann. Dazu zählen eine zerebrale Toxoplasmose, eine virale Enzephalitis oder eine ösophageale Toxoplasmose.
Bei chronischem Schluckauf stehen aufgrund der relativen Häufigkeit gastrointestinale Auslöser im Vordergrund. Etwa zwei Drittel aller Patienten haben eine gastrointestinale Erkrankung, die oftmals ansonsten klinisch stumm verläuft [15]. Der chronische Schluckauf ist sehr oft mit Erkrankungen der Speiseröhre, und zwar ganz besonders mit gastroösophagealer Refluxkrankheit verbunden [15, 20, 39]. Ein kausaler Zusammenhang liegt jedoch nicht immer vor. Es gibt Fälle, wo der Reflux nur während des Schluckaufs besteht, so dass er eher als eine Folge und weniger als eine Ursache anzusehen ist [24].
Der postoperative Schluckauf tritt besonders nach einem abdominalchirurgischen Eingriff auf. Die mittlere Dauer wird mit neun Tagen angegeben. Der Schluckauf kann ein Anzeichen einer Komplikation oder selbst eine Komplikation sein. Eine Peritonitis oder ein subphrenischer Abszess können sich durch einen Schluckauf äußern, wohingegen ein Schluckauf selber Schmerzen, eine Wundheilungsstörung und Erschöpfung hervorrufen kann [34].
Die Diagnose eines psychogenen Schluckaufs sollte nur mit großer Zurückhaltung gestellt werden. Psychologische Folgen, die bei einem chronischen Schluckauf oft auftreten, sollten nicht als Ursachen fehlinterpretiert werden [34].
Oftmals verursachen Patienten selbst Erbrechen durch eine oral-digitale Stimulation, da dadurch der Schluckauf unterdrückt werden kann [10].
Wenn ein Schluckauf im Schlaf persistiert, kann man von einer organischen Ursache ausgehen. Verschwindet der Schluckauf während des Schlafs und tritt beim Erwachen wieder auf, so kann eine psychogene oder idiopathische Ursache vermutet werden [34].
Ein Schluckauf kann auch iatrogen oder medikamentös ausgelöst werden, beispielsweise durch Barbiturate, Benzodiazepine oder Glucocorticoide [25]. Benzodiazepine sind bei Schluckauf kontraindiziert, da sie selber einen Schluckauf auslösen können [6].
Diagnostik
Die Diagnostik beginnt mit der Anamnese. Hierbei müssen Chronologie der Schluckaufepisoden, Begleitsymptome, bisherige physikalische und pharmakologische Therapie, eine Schluckaufpersistenz im Schlaf, zurückliegende Operationen im Hals-, Thorax- sowie oberen Abdominalbereich, Alkohol- sowie Drogenabusus, respiratorische und gastrointestinale Symptome beachtet werden [20, 21, 23, 24, 34].
Die körperliche Untersuchung konzentriert sich auf Thorax, zentrales und peripheres Nervensystem, Gastrointestinaltrakt, Harnwege sowie Hals-Nasen-Ohren-Gebiet (Tab. 2).
Hervorzuheben bei der apparativen Untersuchung ist die elektrophysiologische Phrenikusdiagnostik, wobei die Muskelaktivität des Zwerchfells mit Oberflächen- oder Nadelelektroden registriert wird [33].
Vorgehen in der Praxis
Konsultiert ein Patient unmittelbar nach Auftreten des Schluckaufs den Arzt, so muss unbedingt ein atypischer Herzinfarkt elektrokardiograpisch und laborchemisch ausgeschlossen werden [16, 20]. Nach Abschluss der Untersuchungen sollten zunächst nichtpharmakologische Methoden versucht werden. Manche Patienten haben schon verschiedene „Hausmittel“ probiert, so dass in diesem Fall aggressivere Maßnahmen angewendet werden müssen. Dazu zählen beispielsweise Rückatmung von Kohlendioxid [27], Stimulation der Rachenhinterwand durch einen über die Nase eingeführten Katheter, das starke Herausziehen der Zunge, die Massage des Übergangs vom harten zum weichen Gaumen [31], die Bulbuskompression oder die Karotissinusmassage [5]. Leider ist der Erfolg dieser Maßnahmen oft nur von kurzer Dauer.
Viele dieser Tricks sind überliefert, jeder versucht sie und schwört auf eine ganz bestimmte Methode. Es gibt in der medizinischen Literatur viele Anekdoten und Beschreibungen von Einzelfällen oder kleinen Gruppen. Dagegen fehlen systematische und kontrollierte Studien (Tab. 3).
Wenn diese Methoden nicht effektiv sind, so kommt eine medikamentöse Behandlung in Betracht. Vorher sollten aber noch die folgenden Untersuchungen erfolgen: Röntgenaufnahme des Thorax, Blutbild, Blutkörperchensenkungsgeschwindigkeit, Serumelektrolyte – wobei vor allem auf eine Hyponatriämie geachtet werden sollte –, Creatin (Urämie) und gastroenterologische Untersuchungen (Ösophagogastroskopie, Ösophagus-Manometrie und pH-Metrie).
Kann man gastroösophageale Ursachen ausschließen und versagen nichtpharmakologische Maßnahmen, so sind besonders neurale Ursachen in Betracht zu ziehen. Die Diagnostik umfasst in diesem Fall die Computertomographie und die Magnetresonanztomographie des Schädels, die Sonographie des Abdomens und die Computertomographie des Thorax.
Medikamentöse Therapie
Schluckauf spricht in der Regel rasch auf eine medikamentöse Therapie an. Daher ist es nicht sinnvoll, die Behandlung über mehrere Tage oder Wochen fortzuführen, wenn sie keinen Erfolg zeigt. Die medikamentöse Behandlung sollte erst dann begonnen werden, wenn bei der entsprechenden Diagnostik keine Ursache nachgewiesen werden konnte.
Es steht eine ganze Reihe an Arzneimitteln zur Verfügung (Tab. 4). Medikamentöse Therapieformen beruhen ebenfalls auf vielen Einzelbeschreibungen [2, 4, 5, 10, 12, 18, 20, 38]. Hervorzuheben ist bei der medikamentösen Behandlung des chronischen Schluckaufs Baclofen (z. B. Lioresal®). Baclofen hat potente, zentrale antispastische Eigenschaften, wobei jedoch die Wirkungsweise beim Schluckauf nicht klar ist. Anzunehmen ist jedoch ein zentraler Mechanismus [10, 15, 19, 20, 35, 39]. Guelaud et al. [15] empfehlen, mit einer Dosis von 3 x 5 mg täglich zu beginnen und die Dosis alle 3 Tage nach Wirkung auf bis zu 3 x 25 mg täglich zu erhöhen. Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind Müdigkeit, Somnolenz und Übelkeit. Diese Nebenwirkungen treten häufig auf und verschwinden nach einer Dosisreduktion. Wenn der Schluckauf unter Baclofen verschwindet, kann ein Auslassversuch erfolgen. Eine Therapie mit Baclofen sollte jedoch nicht abrupt abgebrochen werden.
Wenn die Behandlung mit Baclofen nicht erfolgreich ist, kann eine Kombination mit Carbamazepin (z. B. Tegretal®) versucht werden. Die beiden Arzneimittel weisen einen ausgeprägten Synergismus auf.
Da Schluckauf oft mit gastrointestinalen Beschwerden einhergeht, wird auch eine Kombinationsbehandlung von Baclofen mit Protonenpumpen-Hemmern (z. B. Omeprazol) oder Medikamenten, die die Magenentleerung fördern (Propulsiva) empfohlen. Die Heilungsrate durch die Dreierkombination Cisaprid, Omeprazol und Baclofen wird mit 40 % angegeben [5, 21, 22, 24, 32, 37, 38].
Nichtmedikamentöse Therapie
Neben den bereits erwähnten Maßnahmen werden auch Akupunktur, Hypnose und Psychotherapie erfolgreich eingesetzt. Ebenfalls wird eine Suggestivbehandlung von verschiedenen Autoren als erfolgreiches Mittel empfohlen. Die Wirkung beruht auf einer Erkenntnis, die Charles Darwin wie folgt beschrieb: „Der bewusste Wunsch, eine Reflextätigkeit auszuführen, verhindert zuweilen oder unterbricht ihre Ausführung, obgleich die eigentlichen Empfindungsnerven angeregt sein mögen.“ Bei der Suggestivbehandlung wird einem Patienten ein Geldschein mit einem höheren Betrag mit den Worten vorgelegt: „Dieser Geldschein gehört Ihnen, wenn sie gleich noch einmal hicksen“ [12, 15, 28]. Die entsprechenden Autoren haben dabei kaum erlebt, dass sich der Schluckauf noch einmal wiederholte. Wenn der Schluckauf anhält, so empfiehlt Rennert [28], eine weiteren Geldschein dazuzulegen mit der eindringlichen Aufforderung, ein Schlucksen hervorzubringen.
Phrenikotomie
Kann der Schluckauf mit keiner der bisher beschriebenen Maßnahmen beherrscht werden, so kann der Reflexbogen unterbrochen werden. Dies kann durch elektrische Stimulation [10], Implantation eines Stimulators, Leitungsblockade [16] oder die chirurgische Durchtrennung des N. phrenicus [29] erfolgen. Dabei muss beachtet werden, dass der N. phrenicus die wichtigste Efferenz, aber auch gleichzeitig Afferenz sein kann [7].
In der Literatur wird die Phrenikotomie als die radikalste und auch effektivste Therapie bezeichnet. Hierbei wird sowohl die Hauptefferenz des Schluckaufreflexes als auch in einem gewissen Teil der Fälle die Afferenz unterbrochen. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn eine Geschwulst im Verlauf des N. phrenicus als Ursache oder Reiz in Betracht kommt [7]. Vor dem Durchtrennen sollte der Effekt durch eine Leitungsblockade des N. phrenicus getestet werden. Eine beidseitige Phrenicusparese verursacht bei gesunden Probanden eine Reduktion der inspiratorischen Kapazität von 25 % [9].
Schlussbemerkung
Schluckauf gibt bis in die heutige Zeit noch viele Rätsel auf. Die Bedeutung ist unklar. Es ist ein gutartiges und meist vorübergehendes Phänomen. Über 100 verschiedene Ursachen wurden beschrieben und die Zahl der therapeutischen Manöver ist etwa gleich hoch. Wichtig ist die Unterscheidung in akuten und chronischen Schluckauf. Eine Abklärung ist nur bei Persistenz indiziert. Diagnostik und Therapie des Schluckaufs erfordern eine interdisziplinäre Zusammenarbeit. Wenn eine kausale Behandlung nicht möglich ist, ist beispielsweise eine medikamentöse Behandlung mit Baclofen zu empfehlen.
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Priv.-Doz. Dr. med. habil. M. Reiß, Elblandkliniken Meißen Radebeul, Standort Radebeul, HNO-Abteilung, Heinrich-Zille-Str. 13, 01445 Radebeul,
E-Mail: michael.reiss@elblandkliniken.de
Gilfe Reiß, Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Dresden, Fetscherstr. 74, 01307 Dresden
Priv.-Doz. Dr. med. Michael Reiß, Chefarzt der HNO-Abteilung der Elblandkliniken Meißen Radebeul, und Dr. med. Gilfe Reiß, Oberärztin in der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie des Universitätsklinikums Dresden, sind aufgrund ihres Wissens und ihrer Erfahrungen aus dem klinischen Alltag geschätzte MMP-Autoren. Es sind bereits viele Übersichtsartikel, insbesondere zu Krankheitsbildern aus dem Fachgebiet der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, in der MMP erschienen.
Der hartnäckigste Schluckauf aller Zeiten
Alle Ärzte versagten bei dem Bemühen, Jack O‘Lary von seinem Schluckauf zu befreien. Als die breite Öffentlichkeit erfuhr, dass er der Mann mit dem hartnäckigsten Schluckauf aller Zeiten sei, bekam er weit mehr als 60 000 Vorschläge zur Linderung. Er probierte sie alle aus, aber keiner half, wie er sagte. Sein Schluckauf begann am 13. Juni 1948 und endete am 1. Juni 1956. Die letztendliche Heilung führte Jack O‘Lary auf sein gutes Verhältnis zum heiligen Judas (einem der zwölf Jünger Jesus, der ihn schließlich verriet), dem Patron für hoffnungslose Fälle, zurück [5, 21, 22, 24, 32, 37, 38].
Den Weltrekord im Dauerschluckauf hält Charles Osbourne (1894 bis 1991), den der Schluckauf im Jahr 1922 bei dem Schlachten eines Mastschweins befiel und ihn 69 Jahre und 5 Monate bis zu einem Februarmorgen im Jahr 1990 alle anderthalb Sekunden plagte. Trotzdem soll er ein einigermaßen normales Leben geführt haben. Der prominenteste Patient mit anhaltendem Schluckauf war Papst Pius XII. (1876 bis 1958) [10].
Tab. 1. Mögliche Ursachen des chronischen Schluckaufs
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HNO-Ursachen Pharyngitis, Laryngitis, Halstumoren, Gehörgangsfremdkörper |
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Psychiatrische Ursachen Hysterie, Anorexia nervosa, Trauerreaktion, Persönlichkeitsstörung |
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Metabolische Ursachen Nierenversagen, Diabetes mellitus, Hyponatriämie, Hypokalziämie, Hypokapnie, Hyperurikämie, Fieber, septischer Schock |
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Infektiöse Ursachen Malaria, Herpes zoster, Typhus, rheumatisches Fieber |
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Abdomen-Bereich Magenkarzinom, Gastritis, Fremdkörper, Gastrointestinalblutung, Magenüberdehnung, Pankreaskarzinom, Pankreatitis, Hepatitis, Hepato- oder Splenomegalie, Cholezystitis, Cholelithiasis, Leberzirrhose, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Darmobstruktion, Appendizitis, Peritonitis, intraabdominaler oder subphrenischer Abszess, Aneurysma, Prostatainfektion, Prostatakarzinom, Hydronephrose |
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Medikamente α-Methyldopa, Glucocorticoide, Sulfonamide, Benzodiazepine, Barbiturate |
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Thorax-Bereich Pneumonie, Bronchitis, Tuberkulose, Bronchialkarzinom, Asthma, Pleuritis, Pleuraempyem, Mediastinitis, Mediastinaltumoren, Perikarditis, Myokardinfarkt, Angina pectoris, Aortenaneurysma, Cor pulmonale, gastroösophagealer Reflux, Ösophagitis, Hiatushernie, Ösophagusulkus, Zwerchfellhernie, Zwerchfelltumoren, Neurofibrom |
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Toxische Ursachen Alkohol, Nicotin, Heroin-Abusus, Insulin-Schock |
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Zentrales Nervensystem Schädel-Hirn-Trauma, Tumoren, Hirninfarkt, Hirnstammläsionen, intrakranielle Blutungen, Arteriitis temporalis, Meningitis, Enzephalitis, Neurosyphilis, Hirnabszess, Tuberkulome, multiple Sklerose, Syringomyelie, Tabes dorsalis, Epilepsie, Hydrozephalus, Sarkoidose |
Tab. 2. Diagnostik des chronischen Schluckaufs
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1. Routine |
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EKG |
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2. Weiterführende Diagnostik entsprechend der Klinik |
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Magnetresonanztomographie des Schädels |
Tab. 3. Therapeutische Möglichkeiten bei Schluckauf
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Arzneimittel (siehe auch Tab. 4) |
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Amitriptylin, Baclofen, Carbamazepin, Gabapentin, Chlorpromazin, Haloperidol, Lidocain, Mephenesin, Metoclopramid, Nifedipin, |
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Respiratorische Manöver |
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Atemanhalten, Atemanhalten und Strecken des Halses, Atemanhalten und schnell ein Glas mit kaltem Wasser trinken, Atemanhalten und Valsalva-Manöver, Husten, in eine Tüte rückatmen, Kompression des Schildknorpels, Vorbeugen und Hochziehen bzw. Anziehen der Beine, Kopf unter Wasser halten |
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Reizung des N. vagus |
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Kompression des Karotisbulbus am Hals, Karotissinusmassage, Druck auf den Augenbulbus bzw. sich selbst auf die Augen drücken |
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Stimulation von Nase oder Rachen |
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Schneuzen, Niesen, Druck auf Nasenflügel oder Oberlippe, Inhalation von Reizstoffen (Ether, Riechsalz, Ammoniak), starkes Herausziehen der Zunge, Eiswasser, Alkohol, Tee oder Essig schnell trinken, Schlucken von Pulverzucker, zerkleinertem Eis oder Zitrone, Stimulation der Pharynxhinterwand mit einem Katheter, weichen Gaumen bzw. Uvula mit Zunge berühren und dann schlucken, Massage des Übergangs vom harten zum weichen Gaumen, Trinken von der gegenüberliegenden Seite des Glases, auf dem Kopf stehend ein Glas Wasser trinken |
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Psychiatrische Therapie |
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Hypnose, Verhaltenstherapie, Suggestivbehandlung |
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Beseitigung einer Magendehnung |
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Erbrechen, Magensonde, Magenspülung, Magenaspiration, |
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Unterbrechung des N. phrenicus |
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Vorübergehend durch Kühlung, Massieren des Oberbauchs, Lokalanästhesie, Kompression am Hals, Trinken einer wohldosierten Menge Alkohol |
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Sonstiges |
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Akupunktur, Eisauflegen im Epigastrium, beidseitiger Druck auf den äußeren Gehörgang, Erschrecken, Bettruhe, Homöopathie |
Tab. 4. Pharmakotherapie des Schluckaufs
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Medikament |
Dosierung/Tag (wenn nicht anders angegeben) |
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Amitriptylin |
25–90 mg oral |
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Baclofen |
3 x 5–25 mg oral |
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Carbamazepin |
3 x 100–300 mg oral |
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Chlorpromazin |
25–50 mg i. v. in 30–60 min od. 3 x 25–50 mg/d oral |
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Haloperidol |
2 mg i. m. oder 3 x 1–4 mg oral |
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Lidocain |
1–2 mg/kg KG i. v. |
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Mephenesin |
4 x 250 mg oral |
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Metoclopramid |
10 mg i. v. oder 3 x 10 mg oral |
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Nifedipin |
2 x 20 bis 2 x 40 mg oral |
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Orphenadrin |
3–4 x 100 mg oral oder 60 mg i. m. |
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Phenytoin |
200 mg i. v., dann 4 x 100 mg oral |
Medizinische Monatsschrift für Pharmazeuten 2006; 29(08)