Editorial Tanja Saußele

Personalisierte Medizin im Aufschwung

Übersicht Stefan Knop, Würzburg

Multiples Myelom – Standortbestimmung und Ausblick

Das multiple Myelom (MM) ist eine nach wie vor unheilbare maligne Plasmazellerkrankung. Therapiebedürftig ist sie, sobald assoziierte Symptome im Sinne von „Endorganschäden“ auftreten. Zahlreiche „neue Substanzen“ (Proteasomhemmer, immunmodulierende Substanzen) wurden im vergangenen Jahrzehnt eingeführt, was eine deutliche Prognoseverbesserung zur Folge hatte. Um eine möglichst hohe Ansprechrate zu erreichen (mit dem Ziel einer möglichst lang dauernden Krankheitskontrolle), werden Polychemotherapie, alternierende Gaben und das Prinzip der „kontinuierlichen Therapie“ eingesetzt. Unter allen Patienten mit Krankheitsrezidiv sind diejenigen mit extramedullärer Erkrankung (EMD) aktuell am schlechtesten behandelbar. Es bleibt abzuwarten, ob und wann genomische Analysen durch Nächstgenerations-Sequenzierung dazu führen, dass das Auf und Ab der unterschiedlichen Tumor-Subklone verstanden wird. Möglicherweise führen solche Technologien schließlich dazu, dass künftig auch für das Myelom echte „zielgerichtete Therapien“ entwickelt werden können. Bislang fehlen solche praktisch noch völlig.

English abstract

The multiple myeloma - current view and perspectives

The multiple myeloma (MM) is still an incurable malignant plasma cell disease. Therapy is necessary, once symptoms of end organ damage occur. Numerous "new substances" (proteasome inhibitors, immunomodulatory substances) were introduced in the past decade, resulting in improved treatment results. Polychemotherapy, alternating drug applications and the principle of "continuous therapy" are used to achieve a high response rate (with the aim of a long-lasting disease control). Among all patients those with extramedullary disease (EMD) are currently the most difficult treatable patients. It remains to be seen whether and when genomic analyses by next generation sequencing will yield to an understanding of the ups and downs of various tumor subclones. Maybe such technologies result in the development of real targeted therapies for myeloma in the future. To date, such therapies are not available.

Klinische Pharmazie Sandra Müller*, Linda Jaffan*, Edith Kloiber und Stephanie Läer, Düsseldorf

Dextromethorphan-Missbrauch bei Jugendlichen: Wie kann sich der Apotheker verhalten?

Dextromethorphan (DXM), ein apothekenpflichtiges Antitussivum, wird aufgrund seiner halluzinogenen und euphorisierenden Wirkungen nach Überdosis von Jugendlichen in den letzten Jahren vermehrt missbräuchlich eingenommen. Ein Fallbericht eines 15-jährigen Mädchens, die nach missbräuchlicher Einnahme von DXM stationär behandelt werden musste, gab Anlass, diese Thematik weiter zu untersuchen. Hierzu wurde eine Pilot-Beobachtungsstudie in öffentlichen Apotheken durchgeführt, die Hinweise auf das Kaufverhalten sowie typische Eigenschaften der DXM-Käufer geben sollte. Die Daten wurden mit den Missbrauchsfällen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte sowie mit weiteren Quellen abgeglichen. Daraus ergaben sich Hinweise auf Risikogruppen und Handlungsempfehlungen für den Apotheker vor Ort.

English abstract

Dextromethorphan abuse in adolescents: What can the pharmacists do?

In Germany, dextromethorphan (DXM) is used as OTC cough and cold medication. Overdose, however, can cause psychotropic side effects and is therefore abused among adolescents. To better control the drug by the pharmacist, a pilot was undertaken to monitor drug selling of DXM in German retail pharmacies. Over a 6-month period, pharmacies documented the request of DXM preparations. These data were compared to abuse cases of the German regulatory agency, the Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), an analysis of the 2010 annual sales statistic from the IMS® OTC and information about DXM products from drug abuse websites. Especially the young DXM buyers in German retail pharmacies showed characteristics similar to those people from the BfArM abuse data file: They were male and used the DXM product Hustenstiller-ratiopharm®. Hustenstiller-ratiopharm® has well-directed instructions for DXM abuse in the internet. However, the 2010 annual sales statistic from the IMS® OTC report identified Wick MediNait® as the product with highest sales numbers whereas Hustenstiller-ratiopharm® was of less importance indicating DXM abuse is limited to a small part of the DXM user population.

Bericht Tanja Saußele, Stuttgart

"Next-Generation"-Sequenzierung

Einbindung der personalisierten Medizin in die klinische Versorgung

In der Onkologie ist die Genotypisierung bereits fester Bestandteil mancher Therapien geworden. Erst der Nachweis oder das Nichtvorhandensein bestimmter Mutationen kann Voraussetzung für eine wirksame Therapie sein. Um im Rahmen einer personalisierten Medizin im Vorfeld solche Patientengruppen zu identifizieren, sind umfangreiche vergleichende Mutationsanalysen notwendig. Die Entwicklung neuer Sequenzierungsmethoden und die Vertriebsgenehmigung einer Hochdurchsatz-Sequenzierplattform von der US-amerikanischen Food and Drug Andministration (FDA) im vergangenen Jahr ermöglicht die Entwicklung und Validierung der genomischen Sequenzierung und deren Integration in die klinische Versorgung.

Fragen aus der Praxis Rika Rausch, Stuttgart

Senken Probiotika pränatal das Risiko für die Entwicklung eines atopischen Ekzems beim Kind?

Es wird diskutiert, ob die Einnahme von Probiotika während der Schwangerschaft bei Frauen mit atopischen Erkrankungen das Risiko für die Ausprägung beim Kind senken kann.

Referiert & kommentiert Dr. Ingo Stock, Bonn

Arthropoden-assoziierte Zoonosen

Zecken in Deutschland häufig mit Bartonella henselae infiziert

In den letzten Jahren wurde bei Zecken in vielen Gegenden Europas eine hohe Infektionsrate mit Bartonella henselae registriert. Das Bakterium verursacht beim Menschen die Katzenkratzkrankheit und einige andere Krankheitsbilder. Über die B.-henselae-Prävalenz in Zecken war in Deutschland bislang nur wenig bekannt. In aktuellen Studien wurde nun auch an mehreren deutschen Standorten eine hohe Infektionshäufigkeit bei Zecken mit B. henselae dokumentiert.

Referiert & kommentiert Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen

Tuberkulose

Autologe Stammzell-Infusion zur Behandlung der mehrfach resistenten Form?

Bei Patienten mit multiresistenter (MDR-TB) und extensiv resistenter Tuberkulose (XDR-TB) ist eine Infusion autologer Bindegewebsstammzellen nach ersten Ergebnissen sicher. Sie kann möglicherweise die Heilungschancen der Patienten erhöhen.

Referiert & kommentiert Rosemarie Ziegler, Albershausen

Kolorektales Karzinom

Screening mit Stuhltest senkt langfristig die Mortalität

Regelmäßige Fäkaltests auf okkultes Blut senken die Sterblichkeit an Darmkrebs anhaltend, auch nach dem Ende der Reihenuntersuchungen. Das ergab die Auswertung der Todesfälle von Teilnehmern der Minnesota-Colon-Cancer-Kontrollstudie.

Referiert & kommentiert Prof. Dr. Martin Storr, München - Mit Autorenkommentar

Reizdarmsyndrom

Macrogol bessert Obstipation, nicht aber die Lebensqualität

Das Reizdarmsyndrom wird heutzutage, je nach führendem Symptom (Obstipation, Diarrhö, abdominelle Schmerzen) unterschiedlich behandelt. Dabei ist es entscheidend, ob ein Arzneimittel eines oder mehrere der Leitsymptome verbessern kann. Chapman et al. haben in einer randomisierten, Plazebo-kontrollierten Studie die Wirksamkeit von Movicol® (Macrogol/PEG3350 und Elektrolyte) bei Patienten mit einem obstipationsbetonten Reizdarmsyndrom untersucht und fanden, dass Movicol® verglichen zu Plazebo die Obstipation, nicht aber die abdominellen Schmerzen verbessert. Die Studie wurde im American Journal of Gastroenterology veröffentlicht.

Referiert & kommentiert Rosemarie Ziegler, Albershausen

Antibiotika-assoziierte Diarrhö

Präventivwirkung hochdosierter Bakterienpräparate

Mit Laktobazillen- und Bifidobakterien-Präparaten wird versucht, gegen Durchfallerkrankungen, verursacht durch Antibiotika und Clostridien, vorzubeugen. In einer britischen Studie mit älteren Klinikpatienten konnte jedoch die Wirksamkeit der Mikroben in Vergleich zu Plazebo nicht belegt werden.

Referiert & kommentiert Simone Reisdorf, Erfurt

Global burden of disease

Psychische Störungen und Substanzmissbrauch auf Platz 5

Sie zählen nicht zu den Volkskrankheiten, sollten aber nicht unterschätzt werden: Psychische Störungen sind zusammen mit dem Missbrauch von Alkohol, Opioiden und Cocain für 7,4% der weltweiten Krankheitslast (Global burden of disease, GBD) verantwortlich.

Referiert & kommentiert Dr. Katharina Arnheim, Freiburg

Epilepsie

Zonisamid auch in der Pädiatrie

Nur eine geringe Zahl der verfügbaren Antiepileptika ist ausreichend für die Anwendung bei pädiatrischen und jugendlichen Epilepsiepatienten untersucht und zugelassen. Nun wurde die Zulassung von Zonisamid erweitert auf die Zusatztherapie bei Patienten mit fokalen Anfällen mit oder ohne sekundäre Generalisierung ab sechs Jahren.

Referiert & kommentiert Dr. Claudia Bruhn, Randowtal

Chronische Nierenerkrankungen

Vorteile calciumfreier Phosphatbinder

Chronisch nierenkranke Patienten besitzen eine hohe kardiovaskuläre Mortalität. Welche Faktoren dafür verantwortlich sind und wie ihre schädigende Wirkung reduziert werden könnte, wurde auf einem Symposium der Firma Sanofi im Rahmen der Jahrestagung 2013 der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie beleuchtet.

Referiert & kommentiert Simone Reisdorf, Erfurt

Diabetes mellitus

Insulin glargin U300 für weniger nächtliche Hypoglykämien

Mehrere in Entwicklung befindliche hochkonzentrierte Insuline wurden auf den internationalen Diabeteskongressen in Chicago und Barcelona vorgestellt. Diese Formulierungen mit 200, 300, 400 oder 500 Einheiten Insulin pro Milliliter statt der üblichen 100 Einheiten sind einerseits von Vorteil für Patienten mit extremer Adipositas und/oder besonders ausgeprägter Insulinresistenz, die hohe Insulindosen erfordert. Andererseits können sie für alle Menschen mit insulinpflichtigem Diabetes die Applikation vereinfachen, weil die notwendigen Injektionsvolumina im Vergleich zu herkömmlichen Insulinen kleiner sind.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Nichtsteroidale Antirheumatika

Vaskuläre und gastrointestinale unerwünschte Wirkungen abschätzbar

Hoch dosiertes Diclofenac und möglicherweise auch Ibuprofen zeigen vergleichbare vaskuläre Risiken wie Coxibe, wohingegen hoch dosiertes Naproxen mit geringeren vaskulären Risiken verbunden ist als andere nichtsteroidale Antirheumatika. Zwar weisen alle diese Wirkstoffe vaskuläre und gastrointestinale unerwünschte Wirkungen auf, doch kann deren Ausmaß abgeschätzt werden, was klinische Medikationsempfehlungen erleichtert [1].

Referiert & kommentiert Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen

Teratogenität

Topische Glucocorticoide in der Schwangerschaft?

Die Anwendung topischer Glucocorticoide bei Frauen in der Schwangerschaft geht in der Regel nicht mit einem erhöhten Risiko für ein niedriges Geburtsgewicht oder Missbildungen beim Kind einher. Hoch potente Substanzen sollten allerdings möglichst kurz und in möglichst geringer Dosierung eingesetzt werden.

Referiert & kommentiert Dr. Tanja Saußele, Stuttgart

Leberzirrhose

Prophylaxe der hepatischen Enzephalopathie mit Rifaximin

Eine Komplikation der Leberzirrhose ist die hepatische Enzephalopathie, die durch kognitive, psychiatrische und motorische Einschränkungen charakterisiert ist. Mit Rifaximin ist seit 2013 ein nichtresorbierbares Antibiotikum zur Prophylaxe zugelassen, mit dem das erneute Auftreten einer hepatischen Enzephalopathie als auch die Hospitalisierungsrate signifikant gesenkt werden kann.