Editorial Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Bach statt Midazolam?

Pharmakologie aktuell Iris Hinneburg, Halle (Saale)

Dapagliflozin

Blutzuckersenkung über den Urin

Das Antidiabetikum Dapagliflozin wirkt über einen neuartigen Mechanismus: Es erhöht die Glucoseausscheidung über die Niere und senkt so den Blutzuckerspiegel. In Studien konnte der neue Wirkstoff als Monotherapie oder in Kombination mit einem anderen Antidiabetikum den HbA1c-Wert um durchschnittlich 0,5 bis 0,7 Prozentpunkte senken. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehörten Infektionen des Urogenitaltrakts. Numerisch traten Karzinome der Harnblase häufiger auf, jedoch ohne statistische Signifikanz. Es ist noch ungeklärt, wie dies zu bewerten ist. Die FDA hat aus diesem Grund – im Gegensatz zur EMA – die Zulassung bisher verweigert.

English abstract

Dapagliflozin. Lowering blood glucose levels by increasing glucosuria

The antidiabetic drug dapagliflozin lowers blood glucose levels by a novel mechanism: It increases the excretion of glucose via the kidneys. In clinical trials, HbA1c decreased by 0.5 to 0.7 percentage points if dapagliflozin was administered either in monotherapy or combined with other antidiabetic drugs. Common side effects are infections of the urogenital system. It is still unclear why patients in clinical trials suffered more often from cancer. Especially bladder cancer could be observed. However, the increase of cancer cases was not statistically significant. In contrast to the European Medicines Agency, the FDA has not yet approved dapagliflozin for safety reasons.

Übersicht Uwe Gröber, Essen, Ralph Mücke, Lemgo/Herne, Peter Holzhauer, Oberaudorf/Essen, und Klaus Kisters, Herne/Essen

Mikronährstoffe in der Onkologie

Aktuelles zu Vitamin D, Selen, L-Carnitin und Vitamin C

Je nach Tumorentität und Geschlecht supplementieren bis zu 90% der Krebspatienten antioxidative und immunstabilisierende Mikronährstoffe, häufig ohne das Wissen der behandelnden Ärzte. Von onkologischer Seite bestehen berechtigte Bedenken, dass Nahrungsergänzungsmittel die Wirksamkeit einer Chemo- oder Strahlentherapie beeinträchtigen könnten. Aktuelle Studien liefern jedoch zunehmend Hinweise darauf, dass durch eine medikationsorientierte Supplementierung von Antioxidanzien und anderen Mikronährstoffen wie Selen, L-Carnitin und Vitamin D die Verträglichkeit von Tumortherapien sowie die Compliance der Patienten verbessert und die Rate an Therapieabbrüchen vermindert werden kann. Dadurch könnte das Ansprechen auf die antineoplastischen Verfahren erhöht sowie die Prognose und die Lebensqualität der Patienten verbessert werden. Apotheker und onkologisch tätige Ärzte sollten daher über die Bedeutung von Mikronährstoffen und potenzielle Interaktionen mit der Krebstherapie informiert sein.

English abstract

Micronutrients in oncology. Current data about vitamin D, selenium, L-carnitine and vitamin C

Many patients receiving cancer treatment use micronutrient supplements, with the intention to complement their cancer treatment, or help them cope with the therapy- and disease-associated side-effects. Up to 90% of the cancer patients are adding antioxidants without the knowledge of the treating physician. There are many concerns that antioxidants might decrease the effectiveness of chemotherapy, but increasing evidence suggests a benefit when antioxidants and other micronutrients, such as selenium, L-carnitine and vitamin D are added to conventional cytotoxic therapies. It is imperative that physicians discuss the use of antioxidant and other micronutrient supplements with their cancer patients and educate them about potentially negative, but also potentially beneficial effects.

Übersicht André Schäftlein, Maurice el Talia und Charlotte Kloft, Berlin

Neue Wege der Dosisoptimierung und individualisierten Pharmakotherapie?

Konzentrationsbestimmung von Arzneistoffen und ihre pharmakokinetische Auswertung am Wirkort. Teil 2

In Teil 1 dieses Beitrags wurden verschiedene Verfahren zur Konzentrationsbestimmung von Arzneistoffen in Geweben vorgestellt. Im Folgenden werden die Vor- und Nachteile der verschiedenen pharmakokinetischen Datenauswertungsmethoden diskutiert und die praktische Anwendung anhand der Auswertung von Antiinfektiva-Mikrodialysestudien untersucht.

English abstract

Measurement and data analysis of drug concentrations at the target site – potentials, limitations and fields of application

Drug measurements in the blood are only surrogates for drug concentrations in peripheral tissues, which often represent the target sites of the drug. Due to drug specific and physiological characteristics, however, blood and target site concentrations may differ. For this reason, methods to measure drug concentrations at the target site have been developed during the last years. During the last decade, microdialysis has become the method of choice for the continuous study of unbound tissue concentrations of drugs. In order to fully exploit these measurements to quantify the concentration-time profile of the investigated drug, different tools of data analysis can be applied. The aim is to contribute to decision-making in selecting the optimal dose 1) for dosing schedules during the development program of new drugs and 2) for therapeutic usage for physicians and pharmacists. For these aims, the so called „nonlinear mixed effect (NLME) modelling approach“ presents the method of choice as it determines the typical concentration-time profile of a drug as well as the variability within the investigated study population. Additionally, between-patient variability can be explained by patient-specific characteristics e.g. weight enabling dose individualisation within the whole investigated population. A systematic literature research in Pubmed for the use of antiinfectives in humans shows that the preferable methods of measuring concentrations at the target site (microdialysis) and data analysis (NLME) have rarely been used simultaneously. Hence, in future the benefit of linking both methods of choice should be further exploited in order to improve knowledge gain, to optimise antiinfective dosing regimens and to increase medication safety.

Bericht Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Bridging bei antikoagulierten Patienten

Überbrückung der antikoagulatorischen Lücke bei Risikopatienten

Muss eine orale Antikoagulation wegen eines operativen oder interventionellen Eingriffs unterbrochen werden, stellt sich die Frage, ob die antikoagulatorische Lücke mit einem niedermolekularen Heparin überbrückt werden sollte. Dies erfordert eine individuelle Risikostratifizierung, wobei das Thromboembolierisiko gegenüber dem mit dem Eingriff verbundenen Blutungsrisiko abgewogen werden muss. Dies gilt auch für die neuen oralen Antikoagulanzien, nämlich die Thrombin- und Faktor-Xa-Inhibitoren, so das Fazit eines von der Firma Sanofi veranstalteten Expertentreffens.

Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen - Mit Autorenkommentar

Venöse Thromboembolien

Acetylsalicylsäure zur Prävention von vaskulären Ereignissen

Niedrig dosierte Acetylsalicylsäure führt nach einer Antikoagulationsbehandlung bei Patienten mit venösen Thromboembolien nicht zu einer signifikanten Reduktion von erneuten venösen Thromboembolien gegenüber Plazebo. Die Behandlung reduzierte allerdings signifikant die Kombination von venösen Thromboembolien und anderen vaskulären Ereignissen. Das sind die Ergebnisse der kanadischen ASPIRE-Studie mit 411 Patienten, die bereits eine venöse Thromboembolie oder Lungenembolie hatten.

Referiert & kommentiert Prof. Dr. Hans-Christoph Diener, Essen - Mit Autorenkommentar

Antikoagulation bei Vorhofflimmern

Schwerwiegende Blutungen bei Antikoagulation mit Warfarin häufig

Eine große Kohortenstudie in Kanada zwischen 1997 und 2008 mit Patienten, die wegen Vorhofflimmern mit dem Vitamin-K-Antagonisten Warfarin behandelt wurden, zeigte eine jährliche Rate an schwerwiegenden Blutungskomplikationen von 3,8%. Das Blutungsrisiko war zur Beginn der Behandlung am größten.

Referiert & kommentiert Rosemarie Ziegler, Albershausen

Polycythaemia vera

Therapieintensivierung senkt das Thromboserisiko

Patienten mit Polycythaemia vera erleiden signifikant weniger kardiovaskulär bedingte Todesfälle und schwere Thrombosen, wenn der Hämatokrit unter 45% gesenkt wird. Eine Studie mit diesem Ergebnis wurde im Dezember 2012 im New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Referiert & kommentiert Marianne E. Tippmann, Ober-Mörlen

Chronische Immunthrombozytopenie

Stellenwert von Romiplostim in der ITP-Therapie

Mit der Einführung der Thrombopoetin-Rezeptoragonisten Romiplostim und Eltrombopag hat sich bei der Behandlung der chronischen Immunthrombozytopenie (ITP) ein grundlegender Wandel vollzogen. Romiplostim war der bisherigen Standardtherapie in einer offenen Vergleichsstudie über 52 Wochen sowohl bezüglich der Häufigkeit eines Therapieversagens als auch der Notwendigkeit einer Splenektomie überlegen. In Kürze könnte es auch von den Patienten selbst injiziert werden.

Referiert & kommentiert Dr. Bettina Hellwig, Konstanz

Idiopathische Lungenfibrose

Nintedanib verlangsamt die Progression

Nach der Zulassung des Immunsuppressivums Pirfenidon zur Behandlung der idiopathischen Lungenfibrose 2011 wird derzeit der Tyrosinkinase-Hemmer Nintedanib, der von der FDA als Orphan-Drug eingestuft wurde, in dieser Indikation in Phase-III-Studien untersucht. Ergebnisse der Phase-II-Studie und die laufenden Phase-III-Studien wurden auf einer Pressekonferenz der Firma Boehringer Ingelheim vorgestellt.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Diabetes mellitus Typ 2

Linagliptin als Behandlungsalternative zu Glimepirid

Bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2, bei denen Metformin allein keine ausreichende glykämische Kontrolle erzielte, erwies sich der Dipeptidyl-Peptidase-4-Inhibitor Linagliptin dem Sulfonylharnstoff Glimepirid bei der Senkung des HbA1c-Werts als nicht unterlegen. Der Wirkstoff ist in Deutschland derzeit nicht auf dem Markt, da das IQWIG ihm im Verhältnis zur zweckmäßigen Vergleichstherapie keinen Zusatznutzen ausgesprochen hat.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Nahrungsergänzung

Multi-Vitamin-Mineralstoff-Präparate geeignet zur Krebsprävention bei Männern?

In einer groß angelegten Studie mit amerikanischen Ärzten verringerte die tägliche Einnahme eines Multi-Vitamin-Mineralstoff-Präparats das Gesamtrisiko für Krebs mäßig, aber signifikant. Im Hinblick auf spezielle Krebserkrankungen wie Prostatakrebs oder kolorektale Karzinome wurde allerdings kein Effekt der Nahrungsergänzung beobachtet.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Benzodiazepine

Erhöhtes Risiko für Demenz

In einer Kohortenstudie war die Einnahme von Benzodiazepinen bei älteren Menschen mit einem signifikant höheren Risiko verbunden, an Demenz zu erkranken. Ein Kausalzusammenhang ist damit allerdings nicht bewiesen, da die Symptome, gegen die Benzodiazepine verordnet werden, häufig auch zu Beginn einer neurodegenerativen Erkrankung auftreten.

Referiert & kommentiert Priv.-Doz. Dr. Dieter Angersbach, Wolfratshausen - Mit Autorenkommentar

Schizophrenie und schizoaffektive Störungen

Vareniclin zur Unterstützung der Raucherentwöhnung ist verträglich und wirksam

In einer 12-wöchigen doppelblinden Studie erhielten 127 Raucher (≥15 Zigaretten/Tag) mit einer Schizophrenie oder schizoaffektiven Störung Vareniclin oder Plazebo. Primäres Untersuchungsziel war die Sicherheit und Verträglichkeit von Vareniclin. Sekundäres Ziel war der Anteil der Teilnehmer, der mit dem Rauchen aufgehört hat, wobei Abstinenz definiert war als Nichtrauchen für wenigstens sieben Tage vor Ende der Behandlung in Woche 12 und vor Ende der Nachbeobachtungszeit in Woche 24. Bis zum Ende der Behandlung erfüllten 19% der Vareniclin-Patienten und 4,7% der Plazebo-Patienten die Kriterien für das Einstellen des Rauchens (p=0,046). In Woche 24 bestand noch ein Trend zugunsten von Vareniclin. Signifikante Änderungen der Symptome der Schizophrenie, der Stimmung und der Angst traten nicht auf. Suizidale Vorstellungen waren in beiden Gruppen gleich häufig [1].

Referiert & kommentiert Reimund Freye, Baden-Baden

Schizophrenie

Mit einem Depot-Präparat zur besseren Adhärenz

Bei der Schizophrenie bestehen in der ersten Erkrankungsphase die größten langfristigen Heilungschancen. Gerade bei dieser Patientengruppe ist aber die Adhärenz besonders schlecht, mit der Folge von Rezidiven, wobei jede weitere Episode das kurative Eingreifen erschwert. Psychiatrische Fachärzte diskutierten daher auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin den Einsatz retardierter Antipsychotika. Berichtet wurde von neuen Veröffentlichungen zum Thema orale versus Depot-Antipsychotika. In der klinischen Praxis erlangen Depot-Präparate eine zunehmende Bedeutung.

Referiert & kommentiert Dr. Stefan Fischer, Stuttgart

Rotes Fleisch

Ein Gesundheitsrisiko?