Editorial Rika Rausch

Gefahr der Apphängigkeit

Übersicht Ingo Stock, Bonn

Nitrofurantoin – Stellenwert bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen

Obwohl Nitrofurantoin seit mehr als 60 Jahren bei der Therapie unkomplizierter Harnwegsinfektionen eingesetzt wird, zeigt das Antibiotikum noch immer eine gute Aktivität gegen Escherichia coli und einige andere Erreger dieser Infektionen. Unter einer Nitrofurantoin-Therapie können schwerwiegende Arzneistoffwirkungen wie pulmonale Reaktionen und Polyneuropathien auftreten, die vor allem bei Langzeitanwendung vorkommen. Da die Resistenzraten bei Escherichia coli gegen andere bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen eingesetzte Antibiotika in den letzten Jahrzehnten deutlich stiegen und sich eine Nitrofurantoin-Kurzzeittherapie in klinischen Studien als ähnlich wirksam und verträglich wie die zuvor etablierten Standardtherapien erwies, kommt Nitrofurantoin seit einiger Zeit wieder eine zunehmende therapeutische Bedeutung zu. In vielen aktuellen Therapieleitlinien wird es inzwischen als ein Mittel der Wahl bei der Behandlung der unkomplizierten Zystitis bei ansonsten gesunden Frauen bewertet. In Deutschland darf Nitrofurantoin allerdings nur dann eingesetzt werden, wenn effektivere und risikoärmere Antibiotika nicht verwendet werden können.

English abstract

Nitrofurantoin – clinical relevance in uncomplicated urinary tract infections

The nitrofuran derivative nitrofurantoin has been used for more than 60 years for the antibacterial therapy of uncomplicated urinary tract infections (UTI). Despite its long application, this antibiotic retained good activity against Escherichia coli and some other pathogens of uncomplicated urinary tract infections such as Staphylococcus saprophyticus and Enterococcus species. Nitrofurantoin therapy has been shown to be accompanied by numerous adverse drug effects. Among these, there are also serious side effects such as pulmonary reactions and polyneuropathy, which mainly occur in long-term use. Recent studies, however, have shown a good efficacy and tolerability of short-term nitrofurantoin therapy comparable to previous established standard therapeutic regimens applying cotrimoxazole or quinolones. Because of these data and the alarming resistance rates of uropathogenic Escherichia coli to cotrimoxazole and quinolones that have been increased markedly in several countries, the clinical significance of nitrofurantoin has been raised again. In many current treatment guidelines, e. g., the international clinical practice guidelines for the treatment of acute uncomplicated cystitis and pyelonephritis in women published by the Infectious Diseases Society of America and the European Society for Microbiology and Infectious Diseases, nitrofurantoin has been recommended as one first-line antibiotic of empiric antibacterial treatment of uncomplicated cystitis in otherwise healthy women. In Germany, however, nitrofurantoin should only be applied if more effective and less risky antibiotics cannot be used. Nitrofurantoin is contraindicated in the last three months of pregnancy and in patients suffering from renal impairment of each degree. Despite compatibility concerns, nitrofurantoin has also been recommended for the re-infection prophylaxis of recurrent uncomplicated urinary tract infections in Germany and several other countries.

Ernährungsforum Alexander Ströhle und Andreas Hahn, Hannover

Nährstoffsupplemente – Möglichkeiten und Grenzen

Teil 6: Sicherheit und mögliche Risiken

Aus Gründen des vorbeugenden Verbraucherschutzes sind bei Nährstoffen Grenzwerte für eine langfristig sichere Zufuhr zu definieren. Hierbei sind drei toxikologische Kenngrößen von Bedeutung: Lowest observed adverse effect level (LOAEL), No observed adverse effect level (NOAEL) und Tolerable level of upper intake (UL). Liegt die Zufuhr eines Stoffs im Bereich des UL, so ist die Aufnahme langfristig gesundheitlich unbedenklich. Ausgehend vom UL-Wert können im Prinzip sichere Höchstmengen für Nährstoffe in Supplementen abgeleitet werden. Insgesamt sind Vitamine – mit Ausnahme von Vitamin A – eine vergleichsweise sichere Gruppe von Naturstoffen. Nur bei Mengen, die weit über den etablierten Zufuhrempfehlungen liegen, ist mit gesundheitlich unerwünschten Effekten zu rechnen. Im Gegensatz dazu weisen Mineralstoffe, und speziell Spurenelemente, ein geringes Toleranzfenster auf. Dies wird am Beispiel des Spurenelements Selen deutlich. Während die zur Prävention schwerer Selenmangelerkrankungen (Keshan-Krankheit) erforderliche Selenkonzentration des Plasmas bei >0,25 µmol/l (>20 µg/l) liegt, ist das Krebsrisiko bei einer Selenkonzentration von 1,5 µmol/l Plasma (120 µg/l) minimiert. Erste Anzeichen selenbedingter Funktionsstörungen (Haarverlust, Dermatitis) sind bei einem Selenspiegel von >250 µg/l zu beobachten.

English abstract

Food supplements – possibilities and limitations: part 6, Safety and possible risks

Due to the precautionary principle in consumer protection, thresholds for long-term safety of nutrients have to be defined. Three toxical indicators are of interest: lowest observed adverse effect level (LOAEL); no observed adverse effect level (NOAEL) und tolerable level of upper intake (UL). An uptake of a nutrient within the range of UL is without side effects even on the basis of long term consumption. The UL can be used to derive maximum levels for nutrients in food supplements. In general, vitamins can be regarded as safe nutrients except for vitamin A. Adverse effects only occur at excessive intake far beyond the recommended daily allowances. In contrast, the range of safe intake for minerals, especially trace elements, is much smaller. This can be seen clearly in the case of selenium. In order to prevent severe selenium deficiency a plasma concentration of >0.25 µmol/l (>20 µg/l) must be reached. To minimize cancer risk a plasma concentration of 1.5 µmol/l (120 µg/l) is needed. First signs of selenium intoxications occur at plasma levels over 250 µg/l. It is the dose that makes the preventive effect and the poison as well.

Fragen aus der Praxis Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Reicht die Einnahme von ASS zur Prophylaxe einer „Reisethrombose“?

Langes, beengtes Sitzen auf einer Reise kann zu einer tiefen Beinvenenthrombose und somit auch zu einer Lungenembolie führen. Deshalb sollten Risikopatienten eine Thromboseprophylaxe durchführen. Doch bei welchen Personen muss man von einem erhöhten Risiko für eine solche „Reisethrombose“ ausgehen und welches Medikament ist empfehlenswert? Reicht Acetylsalicylsäure (ASS) oder muss immer ein niedermolekulares Heparin gespritzt werden?

Referiert & kommentiert Dr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Alpha-1-Proteinase-Inhibitor-Mangel

Substitution bremst Abbau des Lungengewebes

Der Alpha-1-Proteinase-Inhibitor-Mangel ist eine seltene, genetisch determinierte Erkrankung, die zu einem Abbau des Lungengewebes mit konsekutiver Emphysembildung führt. Im Rahmen der RAPID-Studie konnte nun erstmals gezeigt werden, dass eine Substitutionstherapie die mittels Computertomographie (CT) bestimmte Abnahme der Lungendichte verringert. Die Ergebnisse der Studie wurden im Rahmen eines von CSL Behring veranstalteten Satellitensymposiums anlässlich des 55. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V vorgestellt.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Kreutzkamp, Hamburg

Anorexia nervosa bei Jugendlichen

Tagestherapie einer stationären Behandlung nicht unterlegen

Jugendliche mit einer mäßigen bis schweren Anorexia nervosa profitieren von einer Tagestherapie in gleichem Ausmaß wie von einer stationären Behandlung, so das Ergebnis einer randomisierten Studie aus Deutschland [1]. Das Therapieprogramm war in beiden Studiengruppen vergleichbar und bestand unter anderem aus Ernährungsberatung, kognitiver Verhaltenstherapie und Familientherapie.

Referiert & kommentiert Prof. Dr. Eugen J. Verspohl, Münster - Mit Autorenkommentar

Testosteron-Mangelsyndrom

Sicherheit der Testosteron-Therapie infrage gestellt?

Aufgrund offensichtlich falscher Auswertungen und Ergebnisse halten Experten vieler Fachgesellschaften diese Studienergebnisse jedoch für unglaubwürdig und verlangen derzeit das Zurückziehen des Artikels aus der Fachzeitschrift JAMA.

Referiert & kommentiert Dr. Susanne Heinzl, Reutlingen

Arzneimitteltherapiesicherheit

Mehr Kommunikation, verbesserte Sicherheit

Die Sicherheit in der Arzneimitteltherapie ist eine Herausforderung für alle Beteiligten im Gesundheitswesen. Ein wichtiger Faktor hierbei ist eine funktionierende Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Das Thema Arzneimitteltherapiesicherheit wird jedoch vielfach durch Meinungen und Behauptungen gestützt. Studien, in denen verschiedene denkbare Interventionen aus dem Beratungsbereich prospektiv und randomisiert untersucht werden, fehlen bislang.

Referiert & kommentiert Dr. Jutta Zwicker, London

Arzneimittelinformation

Arzneimittelinformations-Service verbessert Patientenversorgung

Fundierte Empfehlungen durch Arzneimittelinformationsstellen optimieren die Arzneimitteltherapie von ambulanten und stationären Patienten. Dies bestätigte eine multizentrische Studie in Großbritannien.

Referiert & kommentiert Rosemarie Ziegler, Albershausen

Erdnussallergie

Desensibilisierung durch orale Immuntherapie

Einer britischen Phase-II-Studie zufolge kann mit oraler Immuntherapie bei gutem Sicherheitsprofil die Reizschwelle von Kindern mit Erdnussallergie deutlich angehoben werden. Dadurch erhöht sich die Lebensqualität der Allergiker merkbar.

Referiert & kommentiert Dr. med. Katrina Recker, Hamburg

Psoriasis

Hemmung des IL-17-Signalwegs durch Secukinumab

Die nach wie vor große Unzufriedenheit vieler Psoriasis-Patienten mit dem Behandlungserfolg unterstreicht den deutlichen Bedarf an neuen Therapieoptionen. Vor diesem Hintergrund bietet der gegen Interleukin 17 gerichtete Antikörper Secukinumab Aussicht auf eine Ergänzung des Therapiespektrums. Auf einem von der Firma Novartis unterstützten Pressegespräch wurden aktuelle Daten von Phase-III-Studien diskutiert, die eine hohe Wirksamkeit und eine gute Sicherheit belegen.

Referiert & kommentiert Dr. Claudia Bruhn, Schmölln

Chronische lymphatische Leukämie

Neue zielgerichtete Therapieoption Ibrutinib

Der Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor Ibrutinib ist in den USA seit November 2013 zur Behandlung des Mantelzell-Lymphoms und seit Februar dieses Jahres auch für die chronische lymphatische Leukämie zugelassen. Einen Überblick über bisherige Studienergebnisse sowie geplante Untersuchungen gaben Experten auf einem Symposium im Rahmen des 31. Deutschen Krebskongresses.

Referiert & kommentiert Reimund Freye, Baden-Baden

KHK und Herzinsuffizienz

Senkung der Herzfrequenz leitliniengemäßes Therapieziel

Sowohl bei der Herzinsuffizienz als auch bei der koronaren Herzkrankheit (KHK) ist eine Senkung der Herzfrequenz mittlerweile ein wichtiges Therapieziel, das auch Eingang in die Leitlinien gefunden hat. Auf einem von der Firma Servier unterstützten Symposium auf dem diesjährigen Internistenkongress (DGIM) in Wiesbaden wurden Daten vorgestellt, nach denen die Verlangsamung eines erhöhten Herzschlags sowohl Auswirkungen auf kardiovaskuläre Ereignisse als auch auf die Gesamtmortalität hat.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Therapierefraktärer Bluthochdruck

Renale Denervierung enttäuscht die Erwartungen

Entgegen den vorausgehenden Erfolg versprechenden Ergebnissen konnte in einer prospektiven, einfach verblindeten Studie bei Patienten mit therapierefraktärem, schwer einstellbarem Bluthochdruck sechs Monate nach der renalen Denervierung gegenüber den Sham-Kontrollen keine signifikante Senkung des systolischen Blutdrucks nachgewiesen werden.

Referiert & kommentiert Dr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Hyperlipidämie

Neue Behandlungsoption mit Evolocumab

Bei Patienten mit einem Risiko für verschiedene Koronarerkrankungen, die entsprechend den empfohlenen Leitlinien mit einer lipidsenkenden Hintergrundmedikation therapiert wurden, konnte der monoklonale PCSK9-Antikörper Evolocumab die LDL-Cholesterolspiegel nach 52 Wochen gegenüber Plazebo signifikant um 57 Prozentpunkte senken.

Referiert & kommentiert Rika Rausch, Stuttgart

Diabetes mellitus Typ 1 und 2

Flexible Therapie mit Insulin degludec

Mit Insulin degludec (Tresiba®) wurde erstmals seit zehn Jahren ein neues Basalinsulin in Deutschland auf den Markt gebracht. Die gleichmäßige blutzuckersenkende Wirkung über 42 Stunden ermöglicht eine einmal tägliche Anwendung sowie eine flexible Anpassung des täglichen Applikationszeitpunkts. Auf einer von der Firma Novo Nordisk veranstalteten Pressekonferenz im Mai 2014 wurde die Perspektive einer vereinfachten Insulin-Therapie bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 und 2 diskutiert.

Referiert & kommentiert Prof. Dr. Eugen J. Verspohl, Münster

Diabetes mellitus Typ 2

Stand der zukünftigen Therapie mit GPR40-Agonisten

Etwa 30% der heute verwendeten Arzneistoffe haben einen G-Protein-gekoppelten Rezeptor (GPCR) als Target. Im vergangenen Jahrzehnt ist eine Vielzahl von GPCR in Betazellen des Pankreas beschrieben worden. Einige werden durch Lipide aktiviert und führen zu einer gesteigerten Insulinsekretion. Unter ihnen hat GPR40 bisher die größte Bedeutung erreicht. Es wird spezifisch in Betazellen exprimiert und wurde als Langketten-Fettsäure-Rezeptor identifiziert.

Referiert & kommentiert Martin Wiehl, Königstein-Falkenstein

Diabetes mellitus Typ 2

15 Jahre UKPDS

Der Ruf nach evidenzbasierter Medizin ist keineswegs selbstverständlich. Große medizinische Studien zur Sicherung der medizinischen Erkenntnis wurden erst zum Ende des vergangenen Jahrhunderts aufgelegt. Die United Kingdom Prospective Diabetes Study (UKPDS) stellte in dieser Hinsicht die erste und größte Meilensteinstudie dar, mit der die Wirksamkeit antidiabetischer Therapieregime bei Typ-2-Diabetes gezeigt wurde. Nach 15 Jahren kehrten die Autoren an den Ort ihrer Erstpräsentation zurück und zogen auf der 49. Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) in Barcelona Bilanz.