Annemarie Musch und Bettina Polk für die MMP-Redaktion

– Interpharm 2006

ÜbersichtThomas Herdegen, Kiel, und Joachim Fauler, Dresden*

Zur Arzneimittelsicherheit von NSAR und COX-2-Hemmern

Mit der empfohlenen Rücknahme von Valdecoxib (Bextra®) in der ersten Aprilwoche 2005 durch die amerikanische FDA erreichte die Auseinandersetzung um die selektiven Cyclooxygenase-2-Hemmstoffe (COX-2-Hemmer, „Coxibe“) einen neuen Höhepunkt. Zur gleichen Zeit bewertete die FDA das kardiovaskuläre Risiko der herkömmlichen „altbewährten“ nichtsteroidalen antiphlogistischen Analgetika/Antirheumatika (NSAR) als ernsthaft, ähnlich dem Risiko der COX-2-Hemmer. Mit anderen Worten, NSAR sind nicht sicherer als COX-2-Hemmer. Alle NSAR müssen laut FDA mit einem schwarzen Warnaufdruck versehen werden, der auf das potenzielle kardiovaskuläre und tödliche gastrointestinale Risiko hinweist.
Analgetika gehören zu den am meisten verkauften Medikamentengruppen. Viele Patienten leiden jedoch entweder unter den Nebenwirkungen oder der mangelhaften Wirksamkeit, was immer wieder zu Wechseln zwischen Analgetika führt. Dies sollte auch COX-2-Hemmer als wirksame und nebenwirkungsarme Alternative im Repertoire der Schmerzmittel einschließen.
In dieser Bewertung wird das Nutzen-Risiko-Profil der COX-2-Hemmer mit dem der unselektiven NSAR verglichen und die leichtfertige und gefährliche Bewertung von „Pharmako-Politikern“ und Arzneimittelkritikern diskutiert, die „altbewährte“ NSAR als „sichere“ Alternative empfohlen haben, obwohl diese Wirkstoffe im Gegensatz zu den COX-2-Hemmern noch nie auf ihre kardiovaskulären Risiken in jahrelangen Studien gegen Plazebo untersucht wurden. Eine rationale und sichere Pharmakotherapie sollte keine unterschiedlichen Bewertungsmaßstäbe für neue und alte Wirkstoffe anlegen.

FlaggeEnglish abstract

Drug safety of NSAIDs and COX-2 inhibitors

In this review the risk-benefit ratio of COX-2 inhibitors and NSAIDs is compared. In the discussion of the safety of these two groups different evaluation standards are used, which is not a basis of a rational pharmacotherapy.

Michael Reiß, Radebeul, und Gilfe Reiß, Dresden

Mundtrockenheit

Ursachen und Therapiemöglichkeiten

Mundtrockenheit (Xerostomie) ist für den Patienten ein ernsthaftes Problem, besonders wenn sie durch einen verminderten Speichelfluss hervorgerufen wird. Zu den auslösenden Faktoren der Mundtrockenheit zählen Arzneimittel (Antihypertensiva, Neuroleptika), Störungen des ZNS, chronische Nasenatmungsbehinderung, Strahlentherapie eines Tumors im Kopf-Hals-Bereich, Sjögren-Syndrom, Sarkoidose oder Diabetes mellitus. Patienten mit einer Xerostomie sollten immer interdisziplinär dia­gnostiziert, behandelt und betreut werden.
Es stehen verschiedene Behandlungsformen zu Verfügung. Neben der kausalen und symptomatischen Behandlung einschließlich lokaler Speichelstimulation ist auch die Prävention hervorzuheben. Bei den meisten Patienten ist es möglich, eine Besserung der Beschwerden und damit eine Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen.

FlaggeEnglish abstract

Dry mouth

Dryness of the mouth (xerostomia) is a serious problem for the affected patients, in particular if it is caused by a reduced salivation. Triggering factors are, e. g., drugs (antihypertensives, neuroleptics), CNS disorders, chronic obstruction of nasal breathing, irradiation therapy of head-neck tumors, Sjögren's syndrome, sarcoidosis, or diabetes mellitus. Patients with xerostomia should be diagnosed and treated on an interdisciplinary basis. Several causal and symptomatic therapeutic options are available, including local stimulation of salivation. In addition, prevention is to be emphasized. In most patients symptomatic improvement and thus an improved quality of life can be achieved.

Der klinisch-pharmazeutische FallMelanie E. Sumner, Stefanie Albers, Klaus G. Schmidt, Hans Jürgen Laws und Stephanie Läer, Düsseldorf

Arzneimittelinteraktionen von Tacrolimus

Nach einer Transplantation fremder blutbildender Stammzellen mit Knochenmark oder aus dem peripheren Blut kann als Komplikation eine Graft-versus-Host-Disease (GvHD) auftreten. Bei dieser Spender-gegen-Empfänger-Erkrankung richten sich immunkompetente Zellen aus dem transplantierten Knochenmark gegen solide Organe des Empfängers. Zur Therapie der GvHD werden Immunsuppressiva eingesetzt, die die Einnahme weiterer Medikamente, beispielsweise zur Infektionsprophylaxe, erforderlich machen. Diese Polymedikation birgt die Gefahr von Arzneimittelinteraktionen.Das nachfolgende Patientenbeispiel schildert Arzneimittelinteraktionen, die bei einem mit Tacrolimus immunsupprimierten Patienten durch Polymedikation auftraten.

FlaggeEnglish abstract

Drug interactions of Tacrolimus

Allogeneic hematopoetic stem cell transplantations can be complicated by a graft-versus-host disease (GvHD), i. e., immunocompetent cells from the transplanted bone marrow act against solid organs of the recipient. A GvHD is treated with immunosuppressants. Consequently, further drugs are required, for example in order to prevent infections and result in in polymedication of those patients with a risk of drug interactions. In this case report, drug interactions between Tacrolimus and concomitant therapy in a stem-cell-transplanted patient are discussed.

Fragen aus der Praxis

Gibt es tatsächlich Tetanusinfektionen, wenn die Auffrischimpfung nicht eingehalten wurde?

Gibt es weltweit einen einzigen dokumentierten Fall, bei dem nach einer Wunde (nach STIKO: „alle anderen Wunden“ [Tab. 1]) eine Tetanus-Infektion aufgetreten ist, wenn die letzte Impfung fünf bis zehn Jahre bei erfolgter Grundimmunisierung zurückliegt? Wenn nein, sind die Empfehlungen für die postexpositionelle Prophylaxe dann überhaupt sinnvoll?

Referiert & kommentiertDr. Barbara Kreutzkamp, München

Pathologische Glucosetoleranz

Änderung der Lebensweise senkt Inzidenz von metabolischem Syndrom

Durch Veränderung der Lebensgewohnheiten wie fettarme Ernährung und körperliche Bewegung kann die Inzidenz des metabolischen Syndroms innerhalb von 3 Jahren deutlich reduziert werden, in etwas geringerem Umfang auch durch die Einnahme von Metformin.

Referiert & kommentiertDr. Barbara Ecker-Schlipf, Holzgerlingen

Atypische Antipsychotika

Olanzapin erhöht Körpergewicht und Lipidwerte stärker als Aripiprazol

Bei schizophrenen Patienten zeigte Olanzapin deutlich ungünstigere Wirkungen auf Gewicht und Plasmalipidprofil als Aripiprazol. Die schizophrenen Symptome verbesserten sich mit beiden Substanzen vergleichbar.

Referiert & kommentiertDr. med. Anneke Vonend, Bochum

Prävention der Alzheimer-Krankheit

Donepezil wenig, Vitamin E gar nicht wirksam

10 mg Donepezil oder 2 000 I. E. Vitamin E beeinflussen bei Personen mit bereits leichter kognitiver Beeinträchtigung nicht die Häufigkeit späterer Alzheimer-Fälle. Donezepil verzögert möglicherweise das Auftreten einer Alzheimer-Krankheit. So das Ergebnis einer doppelblinden, Plazebo-kontrollierten Studie mit knapp 800 Patienten über drei Jahre.

Referiert & kommentiertDr. med. Peter Stiefelhagen, Hachenburg

Persönlichkeitsstörungen

Therapieversuch mit Antiepileptika ist sinnvoll

Bei der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen kommen seit vielen Jahren Antiepileptika zum Einsatz: Die Ergebnisse erster kleiner Studien sind vielversprechend, jedoch sind Studien mit größeren Patientenzahlen notwendig, um Antiepileptika als Evidenz-basierte Therapie zu propagieren.

Referiert & kommentiertRosemarie Ziegler, Albershausen

Multiple Sklerose

Therapie mit Cannabinoiden?

Der Einsatz von Cannabinoiden in der symptomatischen Multiple-Sklerose-Behandlung scheint sinnvoll, weil Grundlagenforschung, Tierexperimente sowie erste klinische Studien Hinweise auf immunmodulatorische und neuroprotektive Wirkungsmechanismen geliefert haben.

Referiert & kommentiertRosemarie Ziegler, Albershausen

Multiple Sklerose

Unkonventionelle Therapien

Alternative und komplementäre Therapien der multiplen Sklerose beruhen teilweise auf nachvollziehbaren pathophysiologischen Überlegungen und experimentellen Ergebnissen. Dennoch ist der Nutzen keiner dieser Behandlungen durch aussagekräftige klinische Studien bewiesen und die möglichen Risiken sind weitgehend unbekannt.

Referiert & kommentiertDr. Christiane Potz-Biedermann, Tübingen

Lungenkrebs

Jede nicht gerauchte Zigarette vermindert Risiko

Allein eine Reduktion des täglichen Zigarettenverbrauchs auf die Hälfte kann bereits das Risiko einer Lungenkrebserkrankung senken, so das Ergebnis einer bevölkerungsbasierten dänischen Studie.

Referiert & kommentiertDr. Christiane Potz-Biedermann, Tübingen

Krebsprävention

Acetylsalicylsäure senkt Darmkrebsrisiko

Eine langfristige Einnahme (mindestens 10 Jahre) von Acetylsalicylsäure (z. B. Aspirin®) in einer wöchentlich extrem hohen Dosierung (> 14 Tabletten mit 325 mg ASS) reduziert das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Eine kritische Nutzen-Risiko-Abwägung muss aufgrund des mit steigender Dosierung zunehmenden Risikos für gastrointestinale Blutungen stattfinden.

Referiert & kommentiertDr. Annemarie Musch, Stuttgart

Thromboembolische Ereignisse

Prävention und Therapie mit oralem Faktor-Xa-Hemmer?

Der orale Faktor-Xa-Hemmer BAY 59-7939 ermöglichte bei über 1 300 Patienten nach einem orthopädischen Eingriff eine wirksame und sichere Thromboseprophylaxe, so das Ergebnis erster Phase-II-Studien. Niedermolekulares Heparin (Enoxaparin-Natrium) diente in diesen Studien als aktive Kontrolle.

Referiert & kommentiertRosemarie Ziegler, Albershausen

Postmenopause

Hormontherapie verschlechtert Harninkontinenz

Zur Prävention und Linderung von Harninkontinenz sollten Estrogene allein oder in Kombination mit Gestagenen nicht verabreicht werden. Das ergab die Analyse der „Women’s Health Initiative“ (WHI).

Referiert & kommentiertJulia Micklinghoff, Hannover

Osteoporose

Calcium und Vitamin D3 unwirksam in der Sekundärprävention

Das Risiko für einen erneuten osteoporotischen Knochenbruch wird durch die Einnahme von Vitamin D3 oder/und Calciumsalz nicht verringert. Das ergab eine randomisierte Studie mit über 70-jährigen Patienten, die ein bis fünf Jahre lang beobachtet wurden. Eingeschränkt wird das Urteil durch die unbefriedigenden Compliance-Raten.

Referiert & kommentiertDr. Christiane Potz-Biedermann, Tübingen

Omega-3-Fettsäuren

Besteht ein Zusammenhang zwischen Fischkonsum und kognitiven Funktionen im Alter?

In einer prospektiven Kohortenstudie mit Personen über 65 Jahre ist erkennbar, dass Fischkonsum mehr als einmal pro Woche mit einem langsameren Abbau der kognitiven Leistungen im Alter einhergeht.

Referiert & kommentiert

Lebensstil

Was liegt neben dem Wein im Einkaufskorb?