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„Gutenberg-Studie“: Zusammenhang zwischen chronisch-venöser Insuffizienz, kardiovaskulären Erkrankungen und Mortalität
 

Die chronisch-venöse Insuffizienz ist in der Bevölkerung weit verbreitet. In einer großen Kohortenstudie wurde nun der Zusammenhang zwischen chronisch-venöser Insuffizienz, Herz-Kreislauferkrankungen und Mortalität untersucht und festgestellt, dass die chronische Venenschwäche mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie einer höheren Sterblichkeit einhergeht. Ein wichtiger Grund mehr, die Venengesundheit zu fördern!
 

Kohortenstudie zur Prävalenz der chronisch-venösen Insuffizienz und zum Zusammenhang mit kardiovaskulären Erkrankungen und Mortalität
 

Art der Veröffentlichung 
Kohortenstudie

Bei der chronisch-venösen Insuffizienz (CVI) handelt es sich um eine pathologische Veränderung des venösen Systems. Die Pathophysiologie der CVI ist ein komplexes Geflecht aus einer Dysfunktion der venösen Klappen und venösem Bluthochdruck, die zu Störungen der Hämodynamik und Gefäßveränderungen führen können. Zu den sichtbaren klinischen Manifestationen der progressiven Erkrankung zählen Teleangiektasien, retikuläre Varizen und Varizen (Krampfadern) und in der Folge auftretende Symptome wie Ödeme, Hautveränderungen und das Ulcus cruris venosum.

Chronisch-venöse Insuffizienz weit verbreitet

Chronisch-venöse Erkrankungen sind in Industriestaaten sehr verbreitet, wobei aktuelle Angaben zur Prävalenz in der Bevölkerung Deutschlands fehlten. In kürzlich erschienenen Studien gibt es Hinweise auf pathophysiologische Zusammenhänge zwischen arteriellen und venösen Erkrankungen. In einer aktuellen groß angelegten Studie wurden nun die Prävalenz der CVI in der Bevölkerung, die Verbindung mit kardiovaskulären Risikofaktoren und Komorbiditäten sowie der Einfluss der CVI auf die Mortalität untersucht.

Die sogenannte „Gutenberg-Studie“ (Gutenberg Health Study) ist eine große bevölkerungsbasierte prospektive Kohortenstudie, die zwischen April 2012 und April 2017 im Raum Mainz durchgeführt wurde. Insgesamt wurden 12.423 ProbandInnen im Alter von 40 bis 80 Jahren im Rahmen der Gutenberg-Studie untersucht. Die Ergebnisse wurden nun in der Fachzeitschrift European Heart Journal veröffentlicht.

Zur Kategorisierung von chronisch-venösen Erkrankungen wurde dabei die etablierte CEAP (Clinical-Etiologic-Anatomic-Pathophysiologic)-Methode angewendet. Die ProbandInnen wurden dabei nach folgendem Schema charakterisiert:

  • C0: keine sichtbaren Zeichen einer CVI
  • C1: Teleangiektasien (C1a) oder retikuläre Varizen (C1b)
  • C2: Varizen
  • C3: Ödeme
  • C4: Hautveränderungen (C4a: Pigmentierung/Ekzem, C4b: Lipodermatosklerose, weiße Atrophie)
  • C5: abgeheiltes Ulcus cruris venosum
  • C6: aktives Ulcus cruris venosum

Als chronisch-venöse Insuffizienz werden die Stadien C3 bis C6 bezeichnet.

Höhere Prävalenz bei Frauen und älteren Personen

Für 10.664 ProbandInnen konnten Daten zum klinischen Status der CVI ermittelt werden. 48,8 % der TeilnehmerInnen waren weiblich, das Durchschnittsalter betrug knapp 60 Jahre. Bei 906 Personen wurden keine Anzeichen von CVI (Stadium C0) festgestellt. Teleangiektasien und retikulären Varizen traten bei 3756 Personen auf (Prävalenz: 36,5 %), Varizen bei 1399 Personen (13,3 %) und eine manifeste CVI mit Ödemen, Hautveränderungen oder offenen/abgeheilten Wunden bei 4603 Personen (40,8 %). Dies zeigt erneut die weite Verbreitung der Erkrankung. Insgesamt waren Personen mit CVI eher weiblich und deutlich älter verglichen mit der C0-Gruppe, die keine Symptome aufwies. Im Alter von 40 bis 49 war ca. jeder Fünfte betroffen, im Alter von 70 bis 80 hingegen ungefähr zwei Drittel.

Personen mit CVI häufiger von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen

Hinsichtlich kardiovaskulärer Risikofaktoren (Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Dyslipidämie, familiärer Hintergrund mit Herzinfarkt und/oder Schlaganfall, Übergewicht und Rauchen) waren Personen mit CVI am häufigsten betroffen. Innerhalb der Personengruppe mit CVI waren wiederum die Personen mit Hautveränderungen (Stadium C4-C6) häufiger betroffen als Personen mit Ödemen (Stadium C3). Auch kardiovaskuläre Erkrankungen wie z. B. Herzinfarkt, Herzversagen oder Schlaganfall waren in den Gruppen C4 bis C6 (CVI mit Hautveränderungen) am höchsten, gefolgt von der Gruppe C3 (CVI mit Ödemen). In einer Pressemitteilung wiesen die Studienautoren darauf hin, dass Personen mit CVI mit einer rund 60 % höheren Wahrscheinlichkeit an schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen litten als jene gleichen Alters und gleichen Geschlechts ohne CVI. Darüber hinaus sei das Risiko, in den nächsten zehn Jahren an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche oder Vorhofflimmern zu erkranken, bei Personen mit CVI fast doppelt so hoch wie bei jenen ohne Anzeichen einer Venenschwäche.

Zusätzlich wurde das Mortalitätsrisiko untersucht. Innerhalb des Follow-Up-Zeitraums von rund 6 Jahren wurden 540 Todesfälle registriert. Dabei war die Gesamtsterblichkeit bei Personen mit fortgeschrittener CVI (Stadium C3 bis C6) um etwa das 1,7-fache höher als bei den ProbandInnen ohne Erkrankung. Die Gesamtsterblichkeit bei Personen mit CVI war zudem unabhängig von allen anderen Faktoren wie Alter, Geschlecht und Begleiterkrankungen deutlich erhöht.

„The legs are a pathway to the heart“

Die vorliegenden Ergebnisse untermauern einen Zusammenhang zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und chronisch-venöser Insuffizienz. Im Rahmen der Studie konnte zwar kein kausaler Zusammenhang hergestellt werden, es scheint aber eine Verbindung zwischen arteriellen und venösen Gefäßerkrankungen zu geben, der teilweise mit ähnlichen Risikofaktoren (z. B. Übergewicht) erklärt werden kann. Auch Entzündungsprozesse scheinen in der Genese und beim Fortschreiten der beiden Erkrankungen eine wichtige Rolle zu spielen. Dr. Naomi Hamburg von der University of Boston schreibt im Editorial des European Heart Journal sehr treffend: „The legs are a pathway to the heart“. Sie weist unter anderem auf die Notwendigkeit hin, im Sinne einer Früherkennung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch immer einer vorhandenen CVI Beachtung zu schenken.

Desgleichen plädieren die Studienautoren dafür, die CVI ernst zu nehmen. Eine frühe Behandlung der chronischen Venenschwäche kann dabei sinnvoll sein. Auf künftige Forschungsergebnisse zum Einfluss einer Venentherapie auf kardiovaskuläre Erkrankungen darf man gespannt sein, so Dr. Naomi Hamburg. Wie in der Leitlinie zur Therapie und Diagnostik der Varikose beschrieben, können neben ausreichend körperlicher Bewegung, invasiven Verfahren und Kompressionstherapie Venenmedikamente eingesetzt werden, wie z. B. der Extrakt aus Rotem Weinlaub, der antientzündlich wirkt und zu einer Normalisierung der Permeabilität venöser Gefäße führt (Abb. 1).

Abb. 1: Die Rolle von Entzündungsreaktionen bei der Entstehung von venösem Hochdruck und chronisch-venöser Insuffizienz (modifiziert, nach Bergan JJ et al.). Venenmedikamente wie der standardisierte Extrakt aus Rotem Weinlaub können an verschiedenen Stufen der Entzündungskaskade abmildernd eingreifen. Zudem wird die Permeabilität venöser Gefäße normalisiert, Ödeme werden reduziert.

Autorin

Dr. Birgit Benedek
Apothekerin

Literatur

Bergan JJ et al. Chronic Venous Disease. N Engl J Med 2006, 355, 488-498

Hamburg NM. The legs are a pathway to the heart: connections between chronic venous insufficiency and cardiovascular disease. European Heart Journal 2021, 42, 4166-8, doi: 10.1093/eurheartj/ehab589

Prochaska JH. et al. Chronic venous insufficiency, cardiovascular disease, and mortality: a population study. European Heart Journal 2021, 42, 4157-65, doi: 10.1093/eurheartj/ehab495

MedWissInfo: Rotes Weinlaub: Leitlinien-gerechte Therapie bei chronisch-venöser Insuffizienz. https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/special/2021/03/17/rotes-weinlaub-leitliniengerechte-therapie-bei-chronisch-venoeser-insuffizienz 

Wagner V. Schönere Beine, längeres Leben? Pressemitteilung Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 31.08.2021

MAT-DE-2201763/V1/05/2022