Editorial Heike Oberpichler-Schwenk

Problem Pharmakoresistenz

Pharmakologie aktuell Iris Hinneburg, Halle (Saale)

Vernakalant

Ein Antiarrhythmikum zur Kardioversion bei Vorhofflimmern

Vernakalant ist ein neuartiges Antiarrhythmikum, das im September 2010 zur pharmakologischen Konversion von Vorhofflimmern in den Sinusrhythmus zugelassen wurde. Der Wirkstoff blockiert Kalium- und Natriumionenströme und durchbricht so kreisende Erregungen in den Vorhöfen. In klinischen Studien betrug die Konversionsrate unter Vernakalant rund 50%, sie ist mit derjenigen unter anderen Antiarrhythmika (z.B. Flecainid, Propafenon oder Amiodaron) vergleichbar. Von diesen unterscheidet sich Vernakalant durch eine partielle Selektivität für Ionenkanäle an den Vorhöfen, weshalb proarrhythmische Wirkungen seltener auftreten sollten. Ob Vernakalant in der Praxis tatsächlich ein verringertes proarrhythmogenes Potenzial besitzt, ist allerdings noch nicht endgültig geklärt.

English abstract

Vernakalant – a new drug for pharmacological conversion of atrial fibrillation

Vernakalant is a new antiarrhythmic drug which is used for rapid conversion of atrial fibrillation. The drug is a relatively atrium-selective K+ and Na+ channel blocker, prolonging the atrial refractory period. Clinical trials showed conversion rates of about 50% which is comparable to other anti-arrhythmic drugs. Further trials will show if vernakalant is less pro-arrythmogenic than its competitors.

Übersicht Thomas F. Voigt, Laudenbach

Renaissance der Bettwanzen

Bettwanzen traten in Deutschland noch Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts relativ häufig auf. In den folgenden Jahrzehnten galten sie zumindest in den Industriestaaten als ausgerottet und spielten in Europa, Nordamerika und Australien lange Zeit kaum eine Rolle. In Entwicklungs- und Schwellenländern, insbesondere in den wärmeren Regionen dieser Erde, waren sie dagegen während des gesamten 20. Jahrhunderts kontinuierlich stark vertreten. In den letzten 10 bis 15 Jahren wurde in den Industriestaaten über eine deutliche Zunahme der Fallzahlen berichtet, vor allem in Großbritannien, Amerika und Australien. Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist ein vermehrtes Auftreten von Bettwanzen zu beobachten. Für die rasante Ausbreitung der Bettwanzen wird die globalisierungsbedingte Zunahme im Reiseverkehr und Handel verantwortlich gemacht. Problematisch ist nicht nur das vermehrte Auftreten, sondern auch eine zunehmende Resistenz gegenüber Insektiziden, die eine nachhaltige Bekämpfung maßgeblich erschwert.

Übersicht Florian M.E. Wagenlehner, Gießen, Guido Schmiemann, Hannover, Udo Hoyme, Erfurt, Reinhard Fünfstück, Weimar, Eva Hummers-Pradier, Hannover, Martin Kaase, Bochum, Eberhard Kniehl, Karlsruhe, Isolde Selbach, Rothenburg, Urban Sester, Bad Homburg, Winfried Vahlensieck, Bad Wildungen, Dirk Watermann, Freiburg, und Kurt G. Naber, München

S3-Leitlinie Unkomplizierte Harnwegsinfektionen – leitlinienkonforme Therapie

Harnwegsinfektionen (HWI) zählen zu den häufigsten bakteriellen Infektionen im ambulanten Bereich. Im Allgemeinen können sie therapieorientiert in unkomplizierte und komplizierte/nosokomiale Harnwegsinfektionen unterteilt werden. Zu den unkomplizierten, einfachen Harnwegsinfektionen zählen die unkomplizierte Zystitis und die unkomplizierte Pyelonephritis. Beide Entitäten werden hauptsächlich durch E. coli verursacht. Allerdings finden sich heutzutage auch bei den unkomplizierten Harnwegsinfektionen zunehmende Resistenzraten, beispielsweise gegenüber Aminopenicillinen, Cotrimoxazol und teilweise auch Fluorchinolonen. Diese Entwicklung hat eine Neubewertung der Therapieempfehlungen bei unkomplizierten Harnwegsinfektionen im Rahmen einer nationalen S3-Leitlinie notwendig gemacht. Bei der unkomplizerten Zystitis wird für die empirische Therapie an erster Stelle Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin oder Pivmecillinam empfohlen. Für die orale Erstlinientherapie der akuten unkomplizierten Pyelonephritis werden Fluorchinolone in hoher Dosierung empfohlen. Die häufigen asymptomatischen Bakteriurien (ASB) müssen mit wenigen Ausnahmen nicht therapiert werden. Aufgrund der zunehmenden Antibiotikaresistenz und des Auftretens multiresistenter Erreger gestaltet sich eine empirische Antibiotikatherapie zunehmend schwieriger. Aus diesen Gründen sollte, wenn immer möglich, die Resistenztestung abgewartet werden. Die S3-Leitlinie Unkomplizierte Harnwegsinfektionen beschreibt eine vorausschauende Antibiotikapolitik bei diesen häufigen Infektionen, womit eine nachhaltige Versorgungsverbesserung erreicht werden soll.

Bericht Barbara Kreutzkamp, Hamburg

Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz

Akute und chronische nichtspezifische Kreuzschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden in Deutschland. Um eine transparente, adäquate und evidenzbasierte Behandlung dieses Symptoms zu etablieren, wurde die nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz in einem strukturierten Konsensusverfahren von Experten und Patientenvertretern erarbeitet. Viele der gerade in Apotheken häufig empfohlenen Präparate erhielten allerdings eine negative Bewertung – überwiegend aufgrund mangelnder Evidenz. Neben medikamentösen Therapien wird in der Leitlinie auch eine ganze Reihe nichtmedikamentöser Maßnahmen bewertet, so wird eine Patientenedukation stark empfohlen.

Referiert & kommentiert Dr. Claudia Heß, Mainz

Frei verkäufliche Analgetika

Gastrointestinale Verträglichkeit von OTC-Schmerzmitteln

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) werden regelmäßig zur Schmerztherapie eingesetzt. Eine häufige und gefürchtete Nebenwirkung der Präparate sind Schädigungen der Magenschleimhaut bis hin zu Blutungen oder Geschwüren. Auch bei niedrig dosierten, frei verkäuflichen Formulierungen können gastrointestinale Probleme auftreten. Auf einer Pressekonferenz der Firma Novartis wurde eine aktuelle Studie zur gastrointestinalen Verträglichkeit von Diclofenac-Kalium im Vergleich zu Ibuprofen und Acetylsalicylsäure in der OTC-Dosierung vorgestellt.

Referiert & kommentiert Helga Vollmer, M. A., München

Interstitielle Zystitis

Symptomlinderung durch Natrium-Chondroitinsulfat

Die interstitielle Zystitis ist eine chronische Entzündung aller Schichten der Harnblase. Ihre Symptome und Auslöser sind nicht gesichert, weshalb sie sehr oft fehlinterpretiert und entsprechend falsch behandelt wird. Bei der 131. Gesprächsrunde für Münchner Medizinjounalisten, veranstaltet von der Firma Medac, wurde mit Natrium-Chondroitinsufat (Uropol®) ein Wirkstoff vorgestellt, der sich an der Blasenoberfläche anreichert und die Symptome der interstitiellen Zystitis reduziert.

Referiert & kommentiert Simone Reisdorf, Erfurt

Schubförmige multiple Sklerose

Risiko für seltene, aber schwere Nebenwirkung unter Natalizumab bald besser abschätzbar?

Der monoklonale Antikörper Natalizumab ist bei Patienten mit hochaktiver schubförmiger multipler Sklerose hoch wirksam. Die Anwendung birgt aber das Risiko einer seltenen schweren Nebenwirkung, der progressiven multifokalen Leukenzephalopathie (PML). Bald soll ein Test verfügbar sein, mit dem das Risiko für das Auftreten dieser Nebenwirkung abgeschätzt werden kann. Ein solcher Test würde die Abwägung zwischen Nutzen und Risiken erleichtern. Daten zur Wirksamkeit von Natalizumab und Informationen über notwendige Sicherheitsmaßnahmen wurden bei einem von Biogen Idec veranstalteten Pressegespräch [1] vorgestellt.

Referiert & kommentiert Rosemarie Ziegler, Albershausen

Menopause

Escitalopram mindert Hitzewallungen

Häufigkeit und Ausprägung von Hitzewallungen in den Wechseljahren lassen sich durch täglich 10 bis 20 mg Escitalopram senken, wie eine US-amerikanische Studie mit 205 gesunden, peri- oder postmenopausalen Frauen ergab.

Referiert & kommentiert Dr. Tanja Saußele, Besigheim

Sibutramin

Bestätigung des erhöhten Risikos bei Patienten mit kardiovaskulären Risikofaktoren

In der SCOUT-Studie war die Rate nichttödlicher Herzinfarkte und nichttödlicher Schlaganfälle bei übergewichtigen Patienten, die bereits an einer kardiovaskulären Erkrankung litten, vor allem wenn sie zusätzlich an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankt waren, durch die Einnahme von Sibutramin im Vergleich mit Plazebo signifikant erhöht. Derzeit ruht die Zulassung Sibutramin-haltiger Arzneimittel.

Referiert & kommentiert Dr. med. Nana Mosler, Leipzig

ADHS in der Adoleszenz

Langwirksame Arzneimittel kommen Therapiebedarf am nächsten

Jugendliche mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) befolgen seltener Spielregeln und sind oft weniger hilfsbereit. Sie sind unzufriedener, unaufmerksamer und haben ein geringes Ansehen in der Gruppe. Die Hälfte der Kinder mit ADHS erfüllt die diagnostischen Kriterien auch im Erwachsenenalter. Deshalb ist eine medikamentöse Therapie, die zu einer stabilen Stimmungslage führt, von entscheidender Bedeutung. So das Fazit eines Pressegesprächs der Firma Janssen-Cilag im Februar 2011.

Referiert & kommentiert Rosemarie Ziegler, Albershausen

Diabetes mellitus Typ 2

Kombinationssport senkt Langzeit-Blutzucker am stärksten

Bei Typ-2-Diabetikern verbessert eine Kombination aus Aerobic und Krafttraining den Glykohämoglobinspiegel (HbA1c) mehr als die jeweilige Sportart allein. Das ist das Ergebnis einer randomisierten kontrollierten Studie in den USA.

Referiert & kommentiert Rosemarie Ziegler, Albershausen

Vitamin D bei Lungentuberkulose

Unterstützung der antibiotischen Therapie bei ausgewählten Patienten

Die Verabreichung von vier Dosen à 2,5 mg Vitamin D3, zusätzlich zur Standard-Tuberkulosetherapie, verkürzt signifikant die Zeit bis zur negativen Sputumkultur – allerdings nur bei Patienten mit dem seltenen tt-Genotyp des TaqI-Vitamin-D-Rezeptors, wie eine britische Studie zeigt.